Antisemitismus ist ohne Relevanz. Zum Tod von Ernst Nolte und dem deutschen Selbstverständnis

Ernst Nolte ist gestorben und eine Reihe von Nachrufen ging durch den deutschen Feuilleton. Wie Nachrufe so sind – über Tote soll man nicht schlecht sprechen – halten sie ihre Bewertungen in den vermeintlichen Grenzen der Freundlichkeit und behaupten mal lapidar häufig anerkennend, Ernst Nolte sei der Historiker, der den Historikerstreit initiierte – als sei Revisionismus eine rühmliche Lebensleistung.

Der historische Zeitpunkt des Historikerstreits

1986 eröffnete er ihn ungewollt durch einen nicht gehaltenen, aber in der FAZ abgedruckten Vortrag, in dem er mittels Suggestivfragen die These aufstellte, das sowjetische Archipel GULag käme qualitativ der NS-Mordmaschinerie von Auschwitz gleich und ginge dem voraus. Nur dort wo die einen eine Klasse vernichteten, vernichteten die anderen aus Angst vor der jüdisch-bolschewistischen Verschwörung eine Rasse:

Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten? War nicht der „Archipel GULag“ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der „Klassenmord“ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des „Rassenmords“ der Nationalsozialisten?“i

Indem Nolte das Archipel GULag als Ursächlicher als den Holocausts bewertete, nahm er letzterem seine spezifische Qualität und traf damit den geistig-moralisch gewendeten Zeitgeist der Kohl-Ära: 1984 legte Helmut Kohl gemeinsam mit dem US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg Kränze nieder, was zur Kontroverse führte, nachdem bekannt wurde, dass auch Angehörige der Waffen-SS in Bitburg beerdigt sind. Im gleichen Jahr hielt Kohl ein Rede vor der Knesset, die wegen seiner Wendung von der „Gnade der späten Geburt“ seiner Generation (Kohl ist Jahrgang 1930) bekannt und kritisiert wurde, da er eine rhetorische Trennung von Tätern und Nachkommen vollzog, die die Forderung nach einem „Schlussstrich“ implizierte.

Außerdem entgegnete Nolte mit seinem Vortrag zweierlei: Erstens stellte er sich gegen die ein Jahr zuvor gehaltene Rede des damaligen Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker, in der er die Kapitulation NS-Deutschlands „als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte [zu] erkennen“ii einforderte. Zweitens widersprach er einem Denkkollektiv von Historikern, die auf der Grundlage der sogenannten Sonderwegthese die Ursprünge des deutschen Faschismus innerhalb der deutschen Nationalgeschichte, verstanden als Sozial- und Mentalitätsgeschichte, verorteten. Dieser Sonderweg sei durch charismatische Herrschaft, durch einen politischen Eliten eingesetzten schwachen Parlamentarismus infolge dreier Einigungskriege und Militarismus geprägt, so der Nestor der kritischen Sonderwegthese, Hans-Ulrich Wehler. Im Einklang mit technischem Fortschritt und Wissenschaft habe diese soziale Gemengelage die „politische Kollektivmentalität verformt und die Chancen liberaler und demokratischer Politik […] rigoros reduziert, dagegen die plebiszitäre Akklamation und Loyalität gegenüber dem „Führer“ strukturell ermöglicht“.iii

Noltes Gegenthese, der Holocaust sei eine Antwort auf den Bolschewismus, der durch Oktoberrevolution und GULag-System erst die mentalen wie technischen Bedingungen für den Genozid an den Juden schuf, verlagerte dagegen die Historisierung des deutschen Faschismus – also den Ursprungsort – aus der deutschen Nationalgeschichte. Mit dieser Behauptung entlastete er die Deutschen von ihrer historischen Schuld. Doch er fügte noch ein zweites Argument hinzu: Die in der Erinnerung vermeintlich kollektivistische Schuldzuschreibung an die Deutschen, „übersieht allzu geflissentlich die Ähnlichkeit mit der Rede von der „Schuld der Juden“, die ein Hauptargument der Nationalsozialisten war.“iv In Kombination entledigt er sich nicht nur der historischen Schuld der deutschen Nation, sondern stellt die Deutschen als die eigentlichen Opfer der Geschichte dar.

Dass Nolte mit seinen Behauptungen den ein Jahr lang die Feuilletons füllenden Historikerstreit vom Zaun brach, ist trotz des Revisionismus verwunderlich, denn seine Holocaustrelativierungen waren längst bekannt. Bereits 1974 behauptete er, der Vietnamkrieg sei schlimmer als Auschwitz und Stalin habe statt Hitler den Genozid erfunden.v Diesmal jedoch traf Nolte mit seinen Behauptungen in eine Phase der Neuausrichtung deutscher Identität. Mit der von Kohl ausgerufenen geistig-moralischen Wende sollte die deutsche Identität neu formuliert werden und der wesentliche Maßstab zur Definition einer Identität ist deren Genese: die deutsche Nationalgeschichte. Die Förderung einer traditionalen Geschichtspolitik traf auf die mittlerweile international gefestigte sozialliberale Historikergilde in Bielefeld und die sog. zweite Generation der Frankfurter Schulevi.

 

Habermas' Antwort auf Noltes Revisionismus: "Die Zeit" vom 11. Juli 1986, Foto: Franziska May (CC BY-NC-ND 3.0)

Habermas‘ Antwort auf Noltes Revisionismus: „Die Zeit“ vom 11. Juli 1986, Foto: Franziska May (CC BY-NC-ND 3.0)


Die Frage nach deutscher Identität

So war es dann auch Jürgen Habermas, der in der Wochenzeitung Die ZEIT auf Ernst Noltes Holocaust-Relativierung reagierte. Indem er ihm erneut, diesmal jedoch öffentlichkeitswirksam Revisionismus vorwarf, begann der Historikerstreit. Der „Vergangenheit, die nicht vergehen“ will, so der jammernde Titel Noltes Vortrag widersprach Habermas:

Unsere Lebensform ist mit der Lebensform unserer Eltern und Großeltern verbunden durch ein schwer entwirrbares Geflecht von familialen, örtlichen, politischen auch intellektuellen Überlieferungen – durch ein geschichtliches Milieu also, das uns erst zu dem gemacht hat, was und wer wir heute sind. Niemand von uns kann sich aus diesem Milieu herausstehlen, weil mit ihm unsere Identität, sowohl als Individuen wie als Deutsche, unauflöslich verwoben ist. […] Wir müssen also zu unseren Traditionen stehen, wenn wir uns nicht selber verleugnen wollen. […] Da ist zunächst die Verpflichtung, dass wir in Deutschland – selbst wenn es niemand sonst mehr auf sich nähme – unverstellt, und nicht nur mit dem Kopf, die Erinnerung an das Leiden der von deutschen Händen hingemordeten wachhalten müssen. […] Nach Auschwitz können wir nationales Selbstbewusstsein allen aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehen sondern kritisch angeeigneten Geschichte schöpfen.“vii

Die Nachkommen können sich, so Habermas, aufgrund ihrer Sozialisierung im Land der Täter nicht aus ihrer historischen Verantwortung „herausstehlen“, können ihre Identität also nicht einfach ablegen, sondern müssten sie kritisch hinterfragen, sprich: Lehren aus Auschwitz ziehen. Habermas entgegnete nicht nur Noltes Kritik an einer „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ sondern auch Kohls rhetorischer Trennung von Tätergeneration und durch die „Gnade der späten Geburt“ vermeintlich schuldlosen Nachkommen, wodurch Habermas schließlich die von ihm wahrgenommene Tendenzwende zur revisionistischen Geschichtspolitik explizierte und Kontrahenten zur Rechtfertigung bewegte. Um sein Argument gegen das Bedürfnis nach dem „Schlussstrich“ aufrecht erhalten zu können, musste Habermas die historische Verantwortung an das deutsche Selbstverständnis knüpfen, wodurch er die konzeptionell-fachwissenschaftliche Auseinandersetzung in eine gedächtnispolitische Debatte um die Frage nach der Rolle der Erinnerung an den Holocaust für die Identität der Bundesrepublik überführte.viii Auschwitz solle den Deutschen durch kritische Aneignung eine Lehre sein und damit historische Quelle für das nationale Selbstbild. In der Folge geschieht die Auseinandersetzung mit dem Holocaust jedoch nicht der Juden wegen sondern um der Deutschen Willen, wodurch Noltes Antisemitismus zur Sekundärfrage degradiert wurde.

Neues deutsches Selbstverständnis

Nolte bleibt in deutschen Nachrufen also durch seine Relativierung der Shoah Initiator des Historikerstreits, doch der dieser Relativierung zugrundeliegende Antisemitismus bleibt ausgespart. Der Tagesspiegel geht ausführlich auf Noltes Denken und Werk ein, vergleicht ihn sogar mit Luhmann, doch unterlässt jedes Wort zu Noltes Antisemtismus. Die Zeitung WELT sieht sogar die ursprünglich angeblich nicht durch Empirie sondern einzig durch Moral desavouierte These von der formalen und qualitativen Gleichheit stalinistischen und nationalsozialistischen Terrors bestätigt worden.

Tatsache ist, dass mit dem preisgekrönten, 2011 veröffentlichten Buch, „Bloodlands“ von Timothy Snyder die These von der Gleichförmigkeit nationalsozialistischen und sowjetischen Terrors in leicht veränderter Form neues Gewicht erhielt: Der sowjetische Terror ist nicht mehr „Prius“, sondern Zeitgenosse des deutschen Faschismus und beide lernten voneinander, um ihren Terror zu perfektionieren.ix In die gleiche Richtung argumentierte einige Jahre zuvor bereits der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski.x Ignoriert oder heruntergespielt wird sowohl die Qualität durch industriellen Massenmord, als auch die ideologiegeleitete Auswahl der Opfergruppen, sprich: die ideologischen Zusammenhänge. Diese wären jedoch notwendig, wenn der Umgang mit der Vergangenheit Aufarbeitung hieße, also die Ursachen des Holocausts sowie das Fortwirken dieser Ursachen in der Gegenwart aus historischer Perspektive kritisieren will. Eine solch ideologiekritisch verstandene Aufarbeitung der Vergangenheit hätte nicht Identität sondern die Beseitigung der Ursachen zum Ziel. Doch darum ging es dem deutschen Denken nicht.

Die Neuauflage des Historikerstreits bleibt also aus: Das Verhältnis des Holocausts zur deutschen Identität, während der deutschen Teilung und zu Beginn der geistig-moralischen Wende noch das eigentliche Thema, muss in der geläuterten Berliner Republik nicht mehr verhandelt werden – der Holocaust wurde längst in das staatliche Selbstverständnis integriert und als Mittel zur moralischen Legitimation des „wiedergutgewordenen Deutschlands“ (Eike Geisel) pervertiert. Und weil es damals wie heute bei der Kritik an Nolte nicht primär um die Juden ging, sondern darum, was Deutschland ausmacht, blitzt der längst bekannte Antisemitismus Noltes nicht durch den Knigge der Nachrufe durch. Die Kritik am Antisemitismus ist im deutschen Selbstverständnis nur von untergeordneter Relevanz.

 

 

von Benjamin W.

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i Ernst Nolte, Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987.

iii Hans-Ulrich Wehler, Umbruch und Kontinuität: Essays zum 20. Jahrhundert, München 2000, S. 84-89. Hier: S. 89. „Kritisch“ nenne ich die Sonderwegs-These, da die Behauptung eines deutschen Sonderwegs bereits im Kaiserreich zur Legitimation autoritärer Herrschaft genutzt wurde. Gegen diese affirmative Sonderwegs-These steht die kritische der sog. Bielefelder Schule.

iv ebd.

v Ernst Nolte, Deutschland und der Kalte Krieg, München/Zürich 1974. Eine Analyse zum Antisemtismus u.a. bei Nolte: Peter Gay, Freud, Jews, and other Germans, New York 1978. Zusammenfassend zum Antisemitismus bei Nolte: Clemens Heni, Germany’s best-known antisemitic and anti-Zionist historian Ernst Nolte is dead, Times of Israel 22. August 2016.

vi Zu den Phasen der Geschichtspolitik in Bundesrepublik siehe Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989. Phasen und Kontroversen, in: ders., Umkämpfte Vergangenheit, Göttingen 1999, S. 55-81.

vii Jürgen Habermas, Vom öffentlichen Gebrauch der Historie, in: „Historikerstreit“. a.a.O., S. 246 ff.

viii Im Fazit zur Erläuterung des Historikerstreits analysiert der Zeithistoriker Klaus Große Kracht die Erinnerung an den Holocaust als zentralen Gegenstand der Debatte; vgl. Klaus Große Kracht, Debatte: Der Historikerstreit, Docupedia 2010

ix In seinem neuesten Werk, dem 2015 erschienenem Buch, Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. München 2015, lässt Snyder den Holocaust ganz im Begriff des Genozids aufgehen und vernachlässigt den ideologischen Zusammenhang völlig, um bolschewistischen Klassenmord und faschistischen Rassenmord wie Nolte wieder gleichsetzen zu können. Zur Kritik an Snyder siehe Distanz Magazin oder Devi Dumbadze, Klimawandel des Holocausts. Der Untergang Israels in Timothy Snyders Black Earth, in: Bahamas 1/2(2016), S. 64-68.

x Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006.

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