„Black Earth“ von Timothy Snyder – eine Kritik

Um es kurz zu halten: Timothy Snyders Werk Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann ist, so wird im Folgenden zu zeigen sein, uninformativ und stellenweise auf gerade zu naive Art trivial.

Spannend könnte dabei eine Reflexion über den Umgang mit diesem Werk bringen, denn es ist doch mehr als bemerkenswert, dass die Einsicht, etwas wie der Holocaust könne sich wiederholen, bei dem weitaus größten Teil der wahrnehmenden Öffentlichkeit als eine Art Tabubruch, jedenfalls aber eine durchaus neue These betrachtet wird. So lesen sich zumindest andere Auseinandersetzungen. Vielmehr lässt sich wohl aber auch nicht erwarten von einer Gesellschaft, die Adorno und Horkheimer vor allem als Namensvettern für Gedenkpreise oder Straßenzüge zu schätzen weiß. Mit diesen weiß Snyder sich allerdings auch auseinanderzusetzen. Nach der „falsche[n] linke[n] Lehre“ im Umgang mit Auschwitz gefragt, gibt er ein Lehrstück in der Unfähigkeit dialektischen Denkens, wenn er feststellt: „Die Überzeugung, dass Auschwitz die Kehrseite der Moderne sei, eine unterschwellige Folge des Fortschritts und des wissenschaftlichen Denkens. Das Gegenteil ist der Fall. Die Nazis misstrauten der Wissenschaft und ihrer Universalität zutiefst und hielten sie für eine jüdische Erfindung.“ 1

Ein wenig fühlt man sich an das hier zuletzt besprochene Kapital im 21.Jahrhundert von Thomas Piketty erinnert, dem die bahnbrechende Errungenschaft zugesprochen wurde, erkannt zu haben, dass der Kapitalismus zu ungleich verteiltem Eigentum führt. Kann man Piketty aber immerhin noch zugute halten, dass er mit einer detaillierten Quellenarbeit der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft ihre empirische Mangelhaftigkeit aufzeigt, diskreditiert Snyder seine Hypothese stattdessen durch seine unzureichende Methodik.

Im Fließtext selbst wird an keiner Stelle eine Quelle angegeben. Anmerkungen finden sich am Ende des Buches und sind jeweils mit der betreffenden Seite und den ersten Worten des entsprechenden Satzes angegeben. Damit bleibt erstens intransparent, auf welchen Teil eines Sinnabschnitts sich die Quelle bezieht, insbesondere aber zweitens, ist aus dem Text selbst nicht ersichtlich welcher Teil eine reine Hypothese darstellt und welcher übernommen wurde, oder als Beleg dient. Peter Maxwill rezensiert Synder unter anderem mit den Worten: „Es kostet Überwindung, Snyder in die Tiefen des Hitlerschen Hirns zu folgen.“2 Wenn auch von Maxwill sicher anders intendiert, kostet es nicht gerade deshalb Überwindung, weil man in das grausige Hirn einer Bestie blickt. Es kostet sie, weil man sich bei dem von Snyder errichteten Konglomerat dessen, was Hitler wirklich dachte, eigentlich meinte, in seinem Innersten vorhatte, immer wieder fragt, woher zum Teufel er das weiß. Nicht ausschließlich, aber zu erheblichen Teilen auch durch die ungewöhnliche Zitation, bleibt fraglich, wie es Synder gelingt, 70 Jahre nach dessen Tod die wahrhaftigen Gedanken Hitlers zu kennen, ohne auf neue Quellen verweisen zu können oder bestehende vor dem historischen Hintergrund nachvollziehbar neu zu interpretieren.

Black Earth - Ein Buch, das hoffentlich auch keine Wiederholung erfährt.

Timothy Snyder: Black Earth. Der Holocaust und arum er sich wiederholen kann. 2015 bei C.H. Beck verlegt..

Historischer Humbug

Er [Hitler] präsentierte sich als entschlossener Verfechter nationaler Selbstbestimmung, obwohl er in Wahrheit nicht an nationale Rechte glaubte.“oder „Hitler […] war kein Nationalist.“4

Solche Sätze sprechen von einem umfassenden Unverständnis des besonderen Charakters des deutschen Nationalismus, in dem es noch nie ein Hindernis war, die eigene nationale Selbstbestimmung zu fordern und die anderer zu verweigern. Es wird schnell müßig die Widersprüche in Snyders Werk aufzuzeigen, da sich seine Argumentation meist in dem Mantra ergeht, dass dieser oder jene Nazi-Führer etwas bestimmtes wollte oder hinter einer bestimmten Aktion des NS-Staates eigentlich ein ganz anderer Plan steckte. Irgendwo bei seinen Recherchen muss Timothy Snyder auf eine Glaskugel gestoßen sein, die es ihm ermöglicht hat, all das zu wissen. Denn tatsächlich liest sich in diesem Buch wenig Argumentation, vielmehr wird man mit vermeintlichen Fakten konfrontiert, die es zu akzeptieren gilt.

Letztlich ist all das aber nichts als eine logische Folge Snyders Methodik. In seiner Geschichtsschreibung bedarf es des Auffindens eigentlicher Gedanken hinter den bisher angenommenen, denn nur so ist es in seiner streng idealistischen Lesart, in der jedes Ereignis Folge eines individuellen Wollens der Machthabenden ist, möglich, neue Fakten zu begründen. Das zeigt sich im Kleinen, wie im Großen. Dieser Logik folgend, wurde auch Polen nicht etwa nicht zu einem Verbündeten Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion, weil es zwangsläufig zum Schlachtfeld geworden wäre und ihm dauerhafte Besetzung drohte, sondern weil die polnische und die deutsche Führung einen unterschiedlichen Staatsbegriff gebrauchten.5 Problematisch wird diese Haltung selbstverständlich, wenn es an die Darstellung des Molotow-Rippentrop-Paktes geht, der sich in dieser Konsequenz als Resultat aus „Hitlers rasanten taktischen Kehrtwenden“ erklären lässt.6

So stolpert Snyder in diesem Buch von einem ideologisch-idealistisch Widerspruch in den nächsten. In einem Spiegel-Interview erklärt er: „Vor allem hielt Hitler nichts von Agrarwissenschaft. Millionen Menschen sind deshalb gestorben.“ Pointierend kann man diese Aussagen als exemplarisch für das gesamte Werk festhalten und ist gezwungen anzumerken, dass man das freilich so sehen kann, aber dann ignoriert man eben die Gesamtheit der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des zwangisten Jahrhunderts. Ausgenommen Hitlers Innerstes, das jedoch nur Snyder offen zu liegen scheint.

Timothy Snyder: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. 2015. 488 S.: mit 24 Karten. Gebunden. C.H. Beck Verlag

von Kampfwombat

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3 49.

4 53.

5 Vgl. 48.

6 Vgl. 120.

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