Tierliebe und Menschenhass

von Ole Nickel

Rund 300.000 Unterschriften erreichte die Online-Petition für den Hund Chico, der Anfang April seinen Halter und dessen Mutter getötet hatte. Die Causa des Hundes, der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, führte auch außerhalb von social media zu Protesten. So berichtet der Spiegel von immerhin 80 Menschen, die in Hannover zu einer Mahnwache kamen: für den Hund, nicht für die getöteten Menschen. Nun ließe sich ja vermuten, dass es sich dabei schlicht um ein Phänomen großen Mitleids handelt. Dass Menschen noch einem Hund, der zwei Menschen umgebracht hat, zugestehen, selbst weiterzuleben, als Zeichen einer friedfertigen Gesellschaft lesen. Kurz, wer so gut zu Tieren ist, der ist auch seinen Mitmenschen gegenüber menschlich gesinnt. Doch die Rechnung geht nicht auf. Die Tierliebe wirkt nicht als Damm gegen Gewalt und Hass auch dem Menschen gegenüber. Ganz im Gegenteil ist so oft mit genau dieser vergesellschaftet, will, wer sich Tierliebe auf die Fahnen schreibt, nicht selten seinen Mitmenschen an den Kragen (1). Wie geht das zusammen?

Unser Held, unser Freiheitskämpfer, unser Chico Guevara
Was als erstes auffallen muss, ist die große Emotionalität der Beteiligten und der starke projektive Anteil. Wer zu einer Kundgebung für den Hund Chico geht, der übt sich nicht in nüchterner Zurückhaltung angesichts des Todes zweier Menschen. So heißt es im Bericht von Spiegel Online zur Kundgebung:
„Für uns ist Chico unser Held, unser Freiheitskämpfer, unser Chico Guevara.“ Schließlich dreht er sich um und spuckt auf den Boden vor dem Amt. Wieder Beifall, eine junge Frau sagt: „Das tut so gut, das rauszulassen.“ (2)
Das ist keine Empathie mehr, das ist Identifikation. Offensichtlich kommt es seitens solcher Tierschützer zu einer Übertragungsreaktion. Lässt sich die Verbindung von Tierliebe und Menschenhass also als pathische Projektion deuten? Werden hier, ähnlich wie es auch in Rassismus, Antisemitismus und im Sexismus passiert, eigene Charakteranteile auf das Tier abgespalten. Dann wäre das auffälligste – und erklärungsbedürftigste – an dem Ganzen, dass es sich nicht um verleugnete Charakteranteile handelt, die im Tier bekämpft werden. Wenn es sich aber um Charakteranteile handelt, die nicht bekämpft werden, warum sollten diese dann überhaupt projektiv von sich abgespalten werden?

Die Unschuld der Tiere
Aufklären kann das vielleicht ein näherer Blick auf die Argumentationen solcher Tierschützer. Immer wieder geht es dabei um Fragen von Verantwortung und Schuldfähigkeit. Tieren – wie Kindern – wird eigenverantwortliches Handeln rundheraus abgesprochen. Tiere, so die geläufige Argumentation, könnten für ihr Handeln nicht verantwortlich gemacht werden. Schuld sei der Mensch, der sie erzogen habe. In aller Konsequenz wäre dann der Halter verantwortlich an seinem eigenen Tod und dem seiner Mutter, nicht Chico, der somit selbst schutzbedürftig wird – denn die Unschuld wird ihm zur natürlichen Eigenschaft, während der Mensch, gerade weil er anders hätte handeln können, dafür auch Rechenschaft schuldig ist. Zu diesem Bild passen auch Studien, die aufzeigen, dass die meisten Menschen mehr Mitleid mit Tieren und Kindern als mit Erwachsenen haben (3). Der Spagat, der hier im Denken aber geleistet werden muss, ist die Überbrückung des Gegensatzes zwischen der offensichtlich völligen Passivität des Tieres und seiner gleichzeitigen Schutzbedürftigkeit, als autonomes, denkendes und fühlendes Wesen, denn einer Maschine oder einer Pflanze wird solche Schutzbedürftigkeit als unschuldiges Ding ja nicht zugestanden. Bei Kindern wird dies noch frappierender: denn Kinder wachsen zu Erwachsenen heran. Ab wann aber ist nicht mehr die Erziehung und das Umfeld des Kindes verantwortlich, sondern der Erwachsene gerade im Gegensatz zu Kindern und Tieren eigenverantwortlich? Worum es hier geht ist ein Gegensatz, der sich durch die bürgerliche Gesellschaft selbst zieht und vielfältig bearbeitet wird. Der Mensch als freies und vernunftbegabt Wesen auf der einen versus seine offensichtliche Verstricktheit in ein gesellschaftliches Ganzes auf der anderen Seite. Dabei geht es immer auch um Fragen der Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Wohlstandsverteilung: Reichtum wie Armut seien Folge eigenverantwortlicher Entscheidungen und damit gleichermaßen gerechtfertigt. Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, wie der Volksmund zu berichten weiß.

Tierliebe ist die Zärtlichkeit des verstümmelten Subjekts
Gerade das aber produziert einen inneren Konflikt mit der eigenen Autonomie. Die Freiheit des Einzelnen gerät damit auch zur Bedrohung, derer sich der Einzelne erwehren muss: durch autoritäre Unterordnung und durch Idealisierung der Unmündigkeit von Kindern und Tieren. Die Fähigkeit des Menschen zu vernunftbegabten Handeln und seine bewusste Beziehung zur Umwelt sind dem bürgerlichen Subjekt gerade nichts Liebenswertes. Liebenswert ist nur die begriffslose Versunkenheit des Tieres in den Natur- und Gesellschaftszusammenhang. Darüber hinaus dient die Tierliebe aber auch der Selbstbestätigung. Zwischen dem Widerspruch des bürgerlichen Gewaltverzichts und der Rücksichtslosigkeit, die selbige Gesellschaft dem Individuum Tag für Tag im allgemeinen Wettbewerb abverlangt, vermittelt die Tierliebe. Wem es zu dämmern droht, wie verachtenswert er sich seinen Mitmenschen gegenüber verhält, der findet in der Liebe zu Tieren die Bestätigung, dass er oder sie doch eigentlich ein guter Mensch sei. Zärtliche Gemütsregungen, die das Individuum seinen Mitmenschen versagen muss, können am Tier gefahrlos ausagiert werden. Abgespalten werden also jene Charakteranteile, derer sich das bürgerliche Subjekt im zwischenmenschlichen Umgang versagen muss, obwohl sie eigentlich als erstrebenswert gelten. Anders als bei der pathischen Projektion z.B. beim Antisemitismus werden sie nicht abgespalten, um bekämpft zu werden, sondern, um sie überhaupt erst ausleben zu können. Zum Leben der Beate Zschäpe gehörten die Morde des NSU ebenso, wie die liebevolle Beziehung zu ihren Katzen (4). Die Widersprüche, die in der Beziehung von Tierliebe und Menschenhass verhandelt werden, lassen sich auf dem Boden der bürgerlichen Eigentumsordnung nicht lösen. Wer sich daran stört, dass Menschen andere Menschen massakrieren, um danach an ihrem Haustier sich ihre eigene Menschlichkeit als empathisches Wesen zu beweisen, der muss für eine Gesellschaft kämpfen, in der Freiheit und Eigenverantwortung keine Bedrohungen, sondern Segen sind. Die Befreiung der Menschheit ist nicht ihre Befreiung voneinander, als bürgerliche Monaden, sondern die Schaffung von Zuständen, die es ihnen erlauben, sich gegenseitig zu lieben – und nicht bloß ihre Tiere.

 

(1) Einen Überblick über die menschenverachtenden Reaktionen zum Tod eines Stierkämpfers z.B. gibt die Rheinische Post

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/tierliebe-und-menschenhass-schade-dass-er-nicht-laenger-gelitten-hat-aid-1.6119525

(2) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mahnwache-fuer-hund-chico-in-hannover-unser-held-a-1204224.html

(3) https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article118937668/Tierliebe-geht-immer-ueber-Naechstenliebe.html

(4) http://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-ihre-katzen-waren-wie-ihre-babys-1.1840670