Post-Wachstum – Post-Fortschritt – Post-Fakt. Von der wachsenden Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit.

Wenn es eine Gewissheit im gesellschaftlichen Handeln gibt, dann diese: Veränderungen machen Angst. Genauer gesagt ist es das befreiende Potenzial dieser Veränderungen, das gleichzeitig für Unbehagen sorgt. Veränderungen werden immer kollektiv selbst erzeugt, trotzdem kann keine gesellschaftliche Entwicklung stattfinden, ohne dass sie irgendwen verunsichert oder verängstigt. Das liegt nicht etwa daran, dass der Mensch, wie viele Vulgär- und Hobbyanthropologen behaupten, innerlich noch ein „Tier“ ist, ein „Gewohnheitstier“ sogar, das ja „von Natur aus“ gar keinen echten Fortschritt zustande bringt, weil die Möglichkeiten seiner Art biologisch festgeschrieben sind. Schon eher ist der Mensch ein soziales Wesen, weswegen seine Erfahrung wesentlich davon geformt wird, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen sie gemacht wird. Die nützliche Faustregel, dass jeder Lösungsvorschlag für gesellschaftliche Probleme erstmal als Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrung zu verstehen sei, dürfte also auch hier der Wahrheitsfindung dienlich sein. Eine Kritik der Fortschrittsskepsis hat sich zuerst mit dem Begriff von Fortschritt auseinander zu setzen, an dem sich die Post-Wachstumsökonomie abarbeitet, um womöglich noch etwas daran zu retten und vor denen zu verteidigen, die einer „Maschinenstürmerei auf erweiterter Stufenleiter“ (1) verfallen sind.

Der pervertierte Liberalismus des Niko Paech

Der durchaus als wortführend in der Post-Wachstumsbewegung geltende Volkswirt Niko Paech hat sein Programm unter dem verräterischen Titel „Befreiung vom Überfluss“ in Buchform gebracht. Die „Grundzüge“ dieser hoch ideologischen Programmatik findet sich online. Dem Inhalt dieses Werkes nach dürfte er dem ökologischen Bürgertum aus der Seele sprechen. Dieses gesellschaftliche Milieu hat das eigensinnige Streben nach persönlichem Wohlstand längst gegen Gesinnungstreue und moralische Überlegenheit eingetauscht und bekommt von Paech die gewünschten Töne einerseits gegen die entgrenzte globale Finanzelite, andererseits gegen die durch Konsum und Erlebnisgier verblendeten Massen. Doch Paech geht weiter als die Moralökonomen aus dem linksliberalen Spektrum und möchte dezidiert wieder zurück zum unmittelbaren Naturzwang, zur Scholle und zur Selbstversorgung, nur eben freiwillig und zum Schutz der Umwelt. Die Umsetzung seiner Vorstellungen in fünf Punkten gibt bereits deutlich Auskunft zu dem eiskalten Wind, der in der Post-Wachstumsgesellschaft wehen wird.

Bereits der erste Punkt, „Entrümpelung und Entschleunigung“, ist verräterisch. Jede Vorstellung von Luxus wird verworfen, stattdessen wird unnötiger „Ballast“, der zwar viele Ressourcen Kostet, aber wenig „Nutzen“ bringt, eingedämmt. Wenn das mal nicht die Phantasie beflügelt! Wer wollte nicht schon immer mal in seiner naturwüchsigen Dorfgemeinschaft über Kosten und Nutzen von elektrischen Haartrocknern diskutieren? Gegen Ende dieses Absatzes driftet Paech kurz in eliminatorische Erlösungsphantasien ab. So wird gefordert, „die Gesellschaft als Ganzes“ von „Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken“ befreien. Damit sind aller Wahrscheinlichkeit nach zwar keine Menschen, sondern Produkte gemeint, die nicht bloß dem puren Überleben dienen, sondern das irdische Gastspiel erträglicher machen, aber trotzdem: dass ausgerechnet die Repräsentanten eines Lebensstils, der sich nicht auf das bloße mitschwingen mit der ersten Natur reduzieren lässt, wird mit einer so revolutionären Formulierung weggefegt. Dabei wäre eine Perspektive auf ein möglichst angenehmes Leben ohne Verzicht auf Luxus exakt das, was am liberalen Fortschrittsbegriff zu retten wäre. Zu skandalisieren wäre auch nicht, dass in der momentanen Gesellschaft ein Übermaß an Luxus und Konsumlust herrschen, sondern, im Gegenteil, dass nicht alle Menschen gleichermaßen daran teilhaben können.

Der nächste Punkt fordert eine „Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung“. Gemeint ist, dass die Produkte des täglichen Bedarfs nicht mehr komplett durch fremde Hand hergestellt werden, sondern durch „die Reaktivierung von Kompetenzen, manuell und kraft eigener Fertigkeiten“: im Prozess des „do it yourself“. Adorno fand in seinem Vortrag über die Freizeit (2) klare Worte über diese, wie er es nannte, „Pseudo-Aktivität“, doch konnte er sich zumindest noch über eine eigentlich unnötige Form der Beschäftigung äußern, die eine Auflehnung gegen die Fremdbestimmtheit im Spätkapitalismus darstellt. Gerade wohlhabende oder gebildete Schichten, aber auch der einfache Mittelstand konnten vorher ohne weiteres Hausangestellte unterhalten, die die einfachen Arbeiten erledigten. In der gegenwärtigen Gesellschaft aber ist die Mechanisierung so weit vorangetrieben, dass durch „do it yourself“ eine Unmittelbarkeit in der Betätigung hergestellt werden soll, die durch die Technologie abhandenkam. Sie kann nur noch um ihrer selbst willen ausgeübt werden, eben als Freizeitbeschäftigung. Der Gegenaufklärer und Technikfeind Heidegger gab dem ursprünglichen Bezug zum Handwerkszeug die in seinem Jargon üblichen metaphysischen Weihen und erfand die „Zuhandenheit“. So gegensätzlich Adorno und Heidegger aber in ihren Gedanken waren: ihr Bezug war eine Gesellschaft, deren technologische Entwicklungen noch weitgehend angenommen wurde. Paech hingegen bringt gegen die Technologie jedoch ein dem liberalen Fortschrittsgedanken entliehenes Kalkül in Stellung, das so menschenfeindlich wie ökologisch ist. Keine romantische Verklärung des Handwerks treibt ihn an, sondern die bloße Gesamtrechnung mit dem Endziel „ökologisches Gleichgewicht“. Er drückt dies in exakten Zahlen aus – 2 bis 3 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr – auf die eine Person ein „Anrecht“ habe.

Es lässt sich außerdem eine sehr verkümmerte Form von Bedarfsplanung erahnen, die aber eben nur nach Maßgabe der Bedürfnisse eines Einzelnen und seiner örtlichen Gemeinschaft abläuft. Was hier aufs Rudimentärste zusammengeschrumpft ist, nämlich die Idee einer Produktionsweise, bei der der Grund für die Produktion das Bedürfnis ist und nicht der Profit, lässt sich gegen den liberalen Fortschrittsbegriff wenden und weist über ihn hinaus – nur müsste dafür die Arbeitsteilung eben nicht aufgegeben, sondern viel stärker ausgeweitet und verfeinert werden. Dabei sind viele der von Paech vorgeschlagenen Möglichkeiten, die Produktion zu organisieren, gar nicht per se schlecht, doch werden sie von ihm als Mittel zu einer „De-Globalisierung“ degradiert, also für einen aktiven Rückzug aus der Welt hin zur Region.

Das läuft wiederum auf eine „Regionalökonomie“ hinaus, die auch geldpolitisch in diesem Rahmen gehalten wird. Eine klare Absage an den Freihandel, der ja tatsächlich heutzutage die wütenden Massen auf die Straße bringt. Paech dürfte also neben den bereits erwähnten Linksliberalen auch den Nerv des einen oder anderen Rechtsintellektuellen treffen, denn spätestens hier sind Assoziationen mit einem Meisterstück deutscher Ideologieproduktion angebracht, nämlich mit Fichtes „geschlossenem Handelsstaat“ (3). Dieses Werk richtete sich schon um 1800 gegen Freihandel und die ersten Anzeichen einer Globalisierung. Fichtes Gegenkonzept war eine Art nationaler Sozialismus, der fatal an heutige Entwürfe eines nationalen Wirtschaftssystems von rechts erinnert, aber auch an die Post-Wachstumsökonomie vorwegnahm. Fichte schrieb zum Freihandel:

“Es entsteht ein endloser Krieg aller im handelnden Publikum gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern. Und dieser Krieg wird heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkert. Die Produktion und die Künste steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge und mit ihr das Bedürfnis aller sich vermehrt und vermannigfaltigt.“

Fichte sah, ähnlich wie Paech, nur 200 Jahre früher, die zunehmende Bevölkerung der Welt als Plage, deren Zuwachs den allgemeinen „Krieg“ auf dem Weltmarkt noch verschärfe. Fichtes Vorschlag war ein streng abgeschirmtes Territorium für eine homogene Nation, Paechs Konzept würde vermutlich ohne Nationalstaaten auskommen, da diese sich auf einem Gebiet ökologisch reglementierter Kleinstgemeinden ohnehin kaum realisieren ließe. Die Abschirmung würde nicht, wie bei Fichte, durch staatliche Gewalt, sondern durch Selbstbeschränkung. Eine Rücknahme der Arbeitsteilung führt zum einfachen Handwerk, so wie die Rücknahme der staatlichen Institutionen zum begrenzten Aktionsradius des Einzelnen führt.

Und – wer hätte es geahnt – Paech möchte auch den Zins abschaffen, denn dieser gilt ihm als die Verkörperung des Wachstums. In seinen regionalen Gemeinschaften gibt es dann eben auch nur regionale Währungen, mit der die Menschen ihre naturnah produzierten Waren tauschen können. Waren sind es nämlich immer noch, denn Paech kratzt nicht an der Warenproduktion an sich, sondern möchte sie nur auf ein Niveau drosseln, das der Planet gerade noch aushält und sie da, wo es sich machen lässt, durch „Do it yourself“ ersetzen.

Zusammengefasst ist die Post-Wachstumsökonomie in ihren Grundzügen längst nicht nur „Post-Wachstum“, sondern auch „Post-Fortschritt“, denn sie schafft es, nicht nur einfach hinter dies zurück zu fallen, wie es ordinäre Nationalsozialisten tätne, die Fichtes Ideal noch heute anhängen. Es werden die schlechten Aspekte liberalen Fortschrittsdenkens, nämlich das vom Besonderen abstrahierende, nüchterne Kalkül, die gnadenlose Ausmerzung des gesellschaftlich Überflüssigen und die Tendenz, menschliche Produktivität zur Pseudoaktivität verkümmern zu lassen, betont. Tatsächlich „überflüssige“ Dinge werden jedoch beibehalten. Aufgrund der ideologischen Beschaffenheit des Konzepts ist es Paech auch unmöglich, die Überwindung der warenproduzierenden Gesellschaft zu denken. Paech lässt die Möglichkeit eines bedarfsgerecht produzierten, stofflichen Reichtums verkümmern, damit eben auch die Idee einer Abschaffung unnötigen Sterbens und Hungerns, aber auch die gleichzeitig immer vorhandene Option auf Überfluss und Luxus. Möglich wäre das – da es aber nicht wirklich ist, ist eine mögliche Reaktion, die Wirklichkeit so zu gestalten, dass die Möglichkeit nicht mehr gegeben ist.

Die letzten Windungen des Liberalismus

Ein eisernes Festhalten am liberalen Fortschrittsbegriff kann jedoch auch keine Lösung sein. Selbstverständlich hätte schon angesichts der Produktivität von vor 70 Jahren niemand mehr hungern müssen, wenn denn der Hunger und nicht das Profitinteresse ein Grund für die Produktion von Lebensmitteln gewesen wäre. Während die Möglichkeiten jedoch immer weitergewachsen sind, war das immer noch kein Anlass, diese auszuschöpfen. Zur Ehrenrettung des neoliberalen Weltmarktes wird gerne die angeblich international rückläufige Anzahl von Hungernden angeführt. Die statistischen Tricks, die dafür bemüht werden, tatsächlich so etwas wie einen Abwärtstrend zu konstruieren, werden von NGOs wie dem FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk regelmäßig auseinander genommen (4). Unter gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen sind diese Statistiken vor allem aber eine Aussage darüber, wo es derzeit profitabel ist, Nahrungsmittel abzusetzen. Da überrascht es auch nicht, dass die asiatischen Länder, dabei insbesondere China, so viel weitergekommen sind. An diesem Beispiel erkennt man die Zweischneidigkeit des liberalen Fortschrittsbegriffs. Fortschritt ist für diejenigen, die an ihm teilhaben, eine enorme Bereicherung. Wer nicht an ihm teil hat – und derer gibt es viele – der wird frustriert und beginnt das uneingelöste Versprechen freier Märkte und globalen Handels zunächst zu erkennen, dann immer weiter für eine Lüge zu halten. Dies passiert einerseits in saturierten westlichen Gesellschaften. Hier sind die Vorteile einer Teilnahme am globalen Markt fast komplett ausgereizt und die Staaten versuchen mit einem Hin und Her zwischen Konjunktur- und Sparprogrammen noch irgendwie, die gewonnene Position zu halten. Andererseits sind in Regionen, die sich „abgehängt“ fühlen die Menschen nicht vom globalen Handel überzeugt, sondern drängen zu Protektionismus und Fichteschen Staatsbollwerken gegen internationale Einflüsse.

Ein Begriff von Fortschritt, bei dem am Ende der potentielle materielle Reichtum durch den Flaschenhals namens Profit muss, funktioniert nur bis zu dem Punkt, an dem jeder vor dem Widerspruch steht, dass trotz vorhandener massiver Produktivkräfte immer noch Milliarden Menschen nicht daran teilhaben. Daher verwundert es gar nicht so sehr, dass die immer offensichtlicher werdende Möglichkeit von Überfluss vor allem zur Angst vor der Überflüssigkeit führt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass irgendeine Zeitung mal wieder ausruft: „Die Roboter kommen – Millionen Arbeitsplätze gefährdet“, ganz egal ob nun ein Lieferroboter den Postboten oder ein Algorithmus den Juristen ersetzen soll. Die seit längerem in Japan praktizierte Schaffung sinnloser Jobs (5), die als Reaktion auf die Automatisierung erdacht wurde und den Sozialstaat entlasten soll, ist eine sehr drastische und unfreiwillig komische Reaktion auf das Aussterben der Lohnarbeit. Post-Wachstum ist nur eine von vielen möglichen Reaktion auf die Diskrepanz von Möglichkeit und Wirklichkeit, die theoretisch sehr elaborierte Praktiken vorschlägt. Das mag für Wirtschaftsprofessoren eine adäquate Methode sein, mit einer schlecht eingerichteten Welt ins Reine zu kommen.

Die Scheinwelt der Cranks

Eine Möglichkeit, auf die fehlende Realisierung tatsächlichen Fortschritts zu reagieren, ist das Entwerfen rückschrittlicher Verzichts- und Sparsamkeitsideologien, in denen die Lust an der Selbstbeschränkung verewigt und die Verbindung von Askese und Extase zerschlägt. Was aber, wenn der politische Gestaltungswille, der Drang zur „Einmischung“,  das Fachwissen und die Zeit fehlt, diese Diskrepanz zumindest in der Theorie gerade zu rücken? Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, sich auf eine weitere Schwundstufe des Fortschritts zurück zu ziehen, die nur noch in der Phantasie stattfindet. Dieser Umgang kommt ohne den anstrengenden aktionistischen Impuls des Intellektuellen aus, der sich „einmischt“, ist aber unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen trotzdem gefährlicher. Das „postfaktische Zeitalter“, das seit einem halben Jahr rauf und runter diskutiert wird, bezeichnete in den Anfängen seiner Begriffsbildung einen Zustand, in dem große Gruppen von Menschen sich von der Realität abwenden, um sich in eine alternative Sicht der Dinge zu flüchten, über die sie psychologisch verfügen können. Unter der Annahme, dass eine bestimmte Haltung zur Realität diese erst hervorbringt, wurden ganze Theoriegebäude aus dem Boden gestampft, die darauf hinauslaufen, dass die Realität durch Wissen und Wissen durch Macht erzeugt wird. Wie Macht repräsentiert wird, ist dabei so frei wählbar wie entscheidend, doch gerne werden unbezwingbare Feindbilder gewählt: „die“ Lügenpresse, „die“ Politiker oder die Zionisten. Die sich völlig ohnmächtig wähnenden Menschen ziehen sich auf die letzte Bastion zurück, von der aus sie ihre Rebellion noch ausdrücken können, nämlich durch die Konstruktion eines Pseudo-Wissens, das dem der Macht zuwiderläuft. Sozialpsychologisch äußert sich die postfaktische Haltung als ein Subtyp des autoritären Charakters – dem „Crank“, der schon in den berühmten „Studien zum autoritären Charakter“ (6) sehr eingehend beschrieben wurde. Seine prominenteste Eigenschaft ist der Aufbau einer Pseudorealität und die Anfälligkeit für Agitatoren selbst in Zeiten, in denen faschistische Propaganda ansonsten auf einem niedrigen Stand ist. In der heutigen Zeit begünstigt die Entstehung dieses Typus die besagte historisch größte Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit. Der Crank reagiert darauf auf eine Weise, die dem Post-Wachstumsökonomen wiederum komplett entgegengesetzt ist. Während Leute wie Paech danach streben, die Möglichkeiten der Wirklichkeit anzupassen, passen die Cranks die Wirklichkeit in ihrer eigenen Realität den Möglichkeiten an.

Das Internet ist voller Cranks, die sich gegenseitig ihre Geschichten über „freie Energie“, sagenhaft wirksame Heilmethoden für alle möglichen Krankheiten, ultraschnelle Transportmittel oder hocheffiziente Kommunikationstechnologien. All diese Geschichten sind utopisch überhöhte Zerrbilder eines Stands der Produktivkräfte, der real vorhanden ist, aber nicht zum Wohle der Menschen und ihrer Bedürfnisse eingesetzt wird, sondern im Interesse des Kapitals. Schuld daran sind für die Cranks diejenigen, die sie mit der „Macht“ identifizieren, was dann auch erklärt, warum die meisten Cranks bestenfalls Verschwörungstheoretiker und in sehr vielen Fällen fanatische Antisemiten sind. In den Studien an der Bevölkerung der USA in den 40er Jahren waren die Cranks eine Nischengruppe, ein „bedauerlicher Haufen“, wie Hillary Clinton die bezeichnete, die Donald Trump an die Macht brachten. Trumps Regierung ist jedoch eine, die gezielt auf Cranks setzt. So traf sich der neue Präsident bereits mit einem berühmten Impfkritiker – er könnte demnächst die Impfkommission leiten. Pat Buchanan, Alex Jones und Steve Bannon sind seine Medienpartner und gleichzeitig Experten im Verbreiten von „fake news“ und damit geschulte Architekten einer Scheinrealität. Phyllis Schlafly und Ann Coulter sind für die Bekämpfung der „Macht“ in Form des liberalen Feminismus zuständig. Es ist nicht vorauszusehen, wie es mit der Welt weitergeht, wenn der Anführer der „freien Welt“ sich mit Personen umgibt, die ihre Karriere auf dem Kampf gegen die Realität aufbauen. In Europa wird man nicht mehr lange darauf warten müssen, dass ähnliche Leute politische Machtpositionen besetzen. Einzig auf die Rolle der USA als Ort, an dem aktuellste Entwicklungen auf der Welt wie unter einem Brennglas und oft ins grell-überzeichnete gesteigert ausgefochten wird ist noch zu hoffen.

Von einer Rettung des Begriffs des Fortschritts ist derzeit wenig zu spüren. Die politische Welt scheint diesbezüglich gespalten zu sein. Liberale Neopositivisten, deren unbedingter Fortschrittsglaube streng an die Verwertung des Werts gekoppelt ist kann immerhin zugutegehalten werden, auf die kosmopolitischen Wohlstandsversprechen zu pochen, die ein weltweit gemeinsames Wirtschaften mit sich bringt. Die für den Weltmarkt notwendige Abstraktion von besonderen Individuen zu Subjekten und die notwendige gewaltsame Unterordnung dieser unter das Kapital wird jedoch immer mit sich bringen, dass die beschädigten Einzelnen sich zu regressiven Banden zusammenrotten und konformistisch rebellieren. Diese immer vorhandene Einheitsfront des regressiven Denkens voll linker, rechter, post-wachstumstheoretischer oder religiös-fanatischer Antiglobalisten hängt diesem Fortschrittsbegriff zwar auch an, doch in ihren Augen hat er sich als Lüge entlarvt und gehört abgeschafft. Zurück in eine einfache, regionale Welt soll es gehen, in der es allen gleich schlecht geht. Die positive Bestimmung eines emanzipatorischen Begriffs von Fortschritt ist angesichts dieser Lage so verstellt wie noch nie. Es gilt daher, den liberalen Fortschrittsbegriff insbesondere dort zu verteidigen, wo er über sich selbst hinausweist und gleichzeitig zu skandalisieren, wo er strikte Konformität einfordert. Die Idee, alle Menschen am stofflichen Reichtum der gesamten Welt zu beteiligen ist vor regionalistischen Phantasien der Postwachstumsökonomen zu schützen, es ist jedoch zu skandalisieren, dass dies Ausbeutung und Herrschaft immer als notwendig voraussetzt. Das Prinzip der Individualität, also der Vorstellung, dass Menschen in ihrer Besonderheit leben können ist im Liberalismus zwar ideologisch zur Rechtfertigung der Abstraktion zum Subjekt nötig, doch dieses Prinzip muss Teil der Vorstellung einer Welt sein, in der die Bedürftigkeit des Einzelnen ein Produktionsgrund ist. Es ist zu verteidigen vor Volk, Nation, Rasse und jedem Versuch eines Regionalismus. Auch dass es um mehr gehen kann, als um die bloße Deckung von Bedarf und dass ein menschenwürdiges Leben mehr ist, als die Abwesenheit von Hunger, Durst und Schmerz, ist eine erhaltenswerte Idee, die der Liberalismus nach wie vor festhält. Auch dies dient mittlerweile nur noch der Verklärung der Produktion für einen anonymen Markt, aber kann – befreit vom ideologischen Ballast – in der emanzipatorischen Forderung nach „Luxus für alle“ münden.

Tim (keinetheorie.com)

 

Literaturangaben

(1) Adorno, T. W. (2003). Soziologische Schriften I. In Gesammelte Schriften (Bd. 8). Berlin: Suhrkamp.

(2) Adorno, T. W. (1969). Freizeit. Radiovortrag. Abgerufen von https://www.conne-island.de/nf/103/22.html

(3) Fichte, J. G. (2013). Der geschlossene Handelsstaat. Holzinger.

(4) FoodFirst Informations- und Aktionsnetzwerk Deutschland. (2013). Zahlenzauber: Wirklich weniger Hunger in der Welt? Abgerufen von http://www.fian.de/fileadmin/user_upload/dokumente/shop/hunger/13_10_11_FAO_Hungerzahlen.pdf

(5) Kölling, M. (2017). Japans Antwort auf Roboter: Sinnlose Jobs – die Zukunft der Arbeit. Abgerufen 27. Januar 2017, von http://www.handelsblatt.com/politik/international/weltgeschichten/koelling/japans-antwort-auf-roboter-sinnlose-jobs-die-zukunft-der-arbeit/19194514.html

(6) Adorno, T. W. (1995). Studien zum autoritären Charakter. (M. Weinbrenner, Übers.) (9. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

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