Objektiver Jargon. Die Prophetie der ‚Ideologiekritiker‘

Das Wörtchen ‚objektiv‘ ist wegen seiner assoziierten Bedeutung schillernd. In der Wissenschaft der Moderne wird mit dem Objektiven das Gegenständliche bezeichnet, das unabhängig vom Bewusstsein des das Objekt wahrnehmenden in der Welt ist. Es steht für profunde Einsichtnahme und weist den Nutzer als Kenner des Gegenstands aus, über den er urteilt. Wer objektiv spricht, kennt die Facetten eines Dings, er konnte statt des ‚für sich‘ durch Hermeneutik, Falsifikation etc. das ‚an sich‘ erkennen. Er steht über den Dingen, kann sie klar und unverstellt erkennen.

Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe, Joseph Wright of Derby, 1768 (Wikicommons)

Der allzu optimistische Positivismus des frühen 20. Jahrhunderts hoffte noch auf die Einsichtsfähigkeit des Menschen, Begriffe über das Gegenständliche zu schaffen, die mit diesen Objekten identisch, folglich objektiv sind. Diese Hoffnung freilich stand auf tönernen Füßen: Die Einsicht in die Fehlbarkeit der Sprache und des Sprachvermögens feierte zur gleichen Zeit fröhliche Urstände. Der an Marx und Kant geschulte Adorno sah in der von identifizierendem Denken angetriebenen bürgerlichen Wissenschaft des Positivismus nur noch die zum Schematismus (Kant) verkommene Philosophie des deutschen Idealismus: Die objektive Welt wird in Begriffe portioniert, zurechtgebogen und in der positivistischen Sprache der Basissätze etc. nur die Eigene, die ideologische verstellte Wahrnehmung verdoppelt. Diese Perspektive kann nur vom Schein der Dinge sprechen, nicht aber zu ihrem ‚an sich‘ durchdringen. Es gelte dagegen im Modus negativer Dialektik diese falsche Identifikation der Welt mit dem falschen Selbst zu kritisieren, um die verstellte Wahrnehmung der Welt zu häuten und so irgendwann unverstellt auf die Welt blicken zu können und sich im revolutionären Akt anzueignen. Die Mutter aller falschen Identifikationen ist die falsche Identifikation des bürgerlichen Tauschs, dem Verkauf und der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Abschöpfen des Mehrwerts:

„Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht, und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus.“ (Adorno:Negative Dialektik, S.148)

Die Aporie, den kapitalistischen Tausch erst im revolutionären Akt aufheben zu können, wenn die Einsicht in eine wahrhafte (wahrhaft objektive), dem Menschen gerechte Gesellschaft möglich ist, und gleichsam diese Einsicht erst erhalten zu können, wenn die Tauschgesellschaft und damit das identifizierende Denken überwunden ist, ließ Adorno verbittern und Horkheimer frömmeln.

Wer sich dieser gnostischen Strömung marxistischen Denkens nicht hin- oder ergeben, aber dennoch akademisch und vor allem: kritisch bleiben wollte, konnte es mit dem angewandten Relativismus probieren, um als fröhlicher Positivist (Foucault) die Ordnung der Diskurs-, statt der Warenproduktion zu untersuchen. Objektivität zerfällt dann in ‚intersubjektive Überprüfbarkeit‘ und die vollends kommunikativ konstruierte Welt muss in zweiter Ordnung beobachtet werden. Adorno mag wohl, den Relativismus angesichts der Totalität kapitalistischer Produktion zurückweisend, statt in zweiter Ordnung lieber als Zaungast auf das falsche Ganze blicken. Ob Relativismus oder Totalitarismus, von Objektivität zu sprechen, hat seinen Glanz verloren, seitdem es dem Verdacht der Ideologieproduktion ausgesetzt wurde. Aber eine kleine Gruppe widersetzt sich diesem Diktat: die ‚Ideologiekritiker‘.

Von Thomas Maul erfahren wir, in der Stilblüte geschmückt, dass das „Zelebrieren christlicher Rituale […] objektiv zu einem Frontabschnitt der antifaschistischen Reconquista geworden“[1] sei. Die ‚ideologiekritischen Aktion‘ posaunt auf Twitter, dass der „Vernichtungsantizionist“ Jeremy Corbyn objektiv die Fortsetzung Hitlers sei. Der Accountbetreiber wittert freilich Zensur und lässt fragen, ob man erst warten müsse, bis Corbyn gemeinsam mit Iran und Konsorten den Holocaust wiederhole, um ihn so nennen zu dürfen.[2] In der Zeitschrift Bahamas weiß David Schneider zu berichten, dass der ehemalige Autor eben dieser Zeitschrift, Samuel Salzborn, den islamischen Antisemitismus „endgültig objektiv verharmlosend“ erfasst, wenn er die verschiedenen Formen grassierenden Antisemitismus als sekundären und strukturellen Antisemitismus einebne.[3]

Diesen Beispielen – und die Liste ließe sich beliebig verlängern – ist die Funktion der ‚Objektivität‘ zum einen als Artikulation vom Wahrheitsanspruch, zum anderen als Abkürzung der notwendigen Auseinandersetzung mit dem inkriminierten Gegenstand gemein. Mit anderen Worten: Es ist Jargon. Keine der zitierten Aussagen verlöre an Gehalt, striche man das ‚objektiv‘, doch sie verlören an ihrem Anspruch. Im Brustton der Überzeugung wissen die als Ideologiekritiker getarnten Idealisten mit der Floskel nichts anderes als Wahrheit zu verkünden. Schneider, dem die Bahamas mehr Platz gibt als Twitter der ‚ideologiekritischen Aktion‘, darf weiter ausführen:

„In Wahrheit dient Salzborns Argument ganz einfach dazu, die rational nachvollziehbare und unbedingt [!] begrüßenswerte Ablehnung islamischer Gewohnheiten durch große Teile der deutschen Bevölkerung, die sich als Produkt einer halbwegs gelungenen Reeducation erweist, als Ausdruck von Ressentiment zu diffamieren.“[4]

Die Anspruchshaltung gepaart mit der Verweigerung vertiefter Auseinandersetzung mit dem Objekt oder gar die falsche Verwendung des Begriffs[5] ist der Nexus der von Adorno gescholtenen Halbbildung, deren Träger genügend Wissen hat, um nicht mehr naiv, unverstellt auf die Welt zu blicken, aber zu wenig Wissen besitzt, um aus dem zum Schematismus geronnen Denken herauszutreten. Die Halbbildung ist als Gegenteil von Bildung bloße, autoritär vertretene Überzeugung und als ‚Meinung haben‘ der Modus, in dem sich die Linke in sozialen Netzwerken aufzuklären meint. Im Jargon der vermeintlichen ‚Objektivität‘ wird sie objektiv.

Ihren Ursprung hat der Jargon sicherlich weniger in der Halbbildung als vielmehr in den Schaugefechten mit fröhlichen Positivisten. Die Rede vom Objektiven sollte die Differenz zum Relativismus der postmodernen Erkenntnistheorie untermauern. Doch wer Ideologiekritik „und sonst nichts“ betreiben will[6], also von marxistischen Begriffen Abschied nimmt, mit deren Hilfe aber die totale Objektivität des Kapitalismus erst zu fassen ist, entnahm den Begriff ihren Sinn. Was bleibt, ist die Prophetie des Besserwissers.

von Hape Richter

 

[1] https://www.thomasmaul.de/2018/12/anlasslich-des-straburger-terrorakts.html Mit dem Frontabschnitt meint Maul den Weihnachtsmarkt, dessen Besuch er dem geneigten Leser (von Leserinnen mag er ideologiekritisch wohl lieber nicht schreiben) anempfiehlt. Eine Handlung (Zelebrieren) kann kein Ort (Frontabschnitt) sein. Aber was kümmert den Ideologiekritiker die Sprachkritik, wenn er in Mission gegen Islam im Internet unterwegs ist.

[2] https://twitter.com/idkritik/status/1103342667981864962.

[3] http://redaktion-bahamas.org/artikel/2018/80-kein-recht-auf-extreme-meinungen/.

[4] Ebd.

[5] Hier also das fehlende Objekt, auf das die objektive Aussage Bezug nimmt.

[6] Redaktion Bahamas, Ideologiekritisch und sonst nichts. In: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web57-2.html.

 

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