Mit Vater Staat gegen die Zivilgesellschaft.

Zuckerbergs Spende und das Echo des deutschen Denkens.

Mark Zuckerberg ist in Deutschland unbeliebt. Im Februar 2014, während der geplanten Übernahme von WhatsApp, holte der Karikaturist Burkhard sogar antisemitische Klischees aus der Trickkiste: Er zeichnete Facebook als „Datenkrake“ mit Hakennase und Pejes.

Anlässlich der Geburt seiner Tochter Max eröffnet Zuckerberg, 45 Milliarden US-Dollar, also etwa 99% des derzeitigen Facebook-Aktienwertes, peu a peu in eine gemeinnützige Stiftung zu überführen. In einem öffentlichen „Brief an seine Tochter Max“ gibt er das Motiv (seine Tochter solle in einer besseren Welt aufwachsen) und das Programm vor. Mit solchen Gesten reiht er sich in die Liste der reichen Philanthropen um Gates und Buffet und damit in eine US-amerikanische Tradition ein.

Die deutschen Medien spekulieren dennoch, ob hinter diesem öffentlichkeitswirksamen Coup nicht Eigeninteresse statt Altruismus liege. Schließlich gründe Zuckerberg lediglich eine Stiftung, kontrolliere also das Vermögen weiterhin. Zweitens gebe er keinen eindeutigen Zweck an, könnte mit der Stiftung also auch politische Debatten beeinflussen. Des Weiteren überführt er die angekündigten Milliarden nicht auf einmal, sondern schrittweise. Schließlich kann er – und das scheint das eigentliche Sakrileg zu sein – sein Vermögen am Fiskus vorbei manövrieren.

Was nach investigativem Journalismus klingt, lässt sich einfach in dem öffentlichen Brief Zuckerbergs nachlesen. Dort schreibt er u .a. von „long term investments“ und „we must participate in policy and advocacy to shape debates“ sowie „we must build technology to make change“. Er folgt dem Credo der Silicion

Valley-Enthusiasten, durch technologischen Fortschritt und privaten Unterstützungen statt mittels staatlicher Wohlfahrt menschliches Leid zu beheben. Das stößt den volksdeutschen Ideologen freilich sauer auf. In Deutschland, wo bürgerlicher Liberalismus seit dem Kaiserreich auf der historischen Müllhalde deponiert liegt und selbst nach Hartz IV Gesetzen und dem „fordern statt fördern“ Machwerk die Mär vom fürsorgenden Staat erzählt wird, trifft zivilgesellschaftliches Engagement auf bloßes Ressentiment.

Antisemitismus und Paternalismus – Deutsche Ressentiments gegen die private Wohlfahrt

So erklärt sich auch, dass nahezu alle bürgerlichen Medien über die „eigentlich“ egoistischen, weil kapitalistischen Beweggründe Zuckerbergs spekulieren. Der Haustechniker von Spiegel Online will beispielsweise erkennen, dass es Zuckerberg um nichts anderes ginge, als „die Welt ins Netz zu holen“ und somit an Facebook zu binden. Belegt ist das dann anhand Zuckerbergs öffentlichen Brief und ignoriert wird, dass Spenden dieser Größenordnung häufig mit dem pathetischen Gesäusel einer besseren Welt einhergehen. Dem privaten Spender Zuckerberg kann es um nichts anders gehen, als die mediale Kontrolle der Welt durch Facebook, getarnt als Altruismus.

Es soll hier gar nicht abgestritten werden, dass Zuckerberg mit dieser Spende auch persönliche, vielleicht auch wirtschaftliche Ziele verfolgt. Das wäre bloß systemimmanent und daher auch nicht verwunderlich. Aber das Geraune, Zuckerberg täusche Altruismus vor, um einen perfiden Plan zu verfolgen, ist lediglich Abhub antisemitischer Haltung. Aussagen dieser Art bilden die versachlichte Form des Aluhut-Marktgeschreis über die „Protokolle der Weißen von Zion“, das durch die Medien schwappt.

Mit dem Ruf nach dem zur Wohlfahrt berufenen, paternalistischen Staatwird dieses Ressentiment komplettiert. Dass der Staat als gerechte Verteilungsmaschinerie fungiert, ist seit jeher deutsche Ideologie, die den Staat stets als Vaterland und die Bürger als Volksgemeinschaft begreift. Dabei gilt: Im Land der „Steuersünde“ ist verdächtig, wer sich nicht für diese Volksgemeinschaft nicht opfert. Dass dieses Opfer im deutschen Denken Selbstzweck ist, verdeutlichen vermeintlich kritische, schließlich aber konformistische Revolutionäre der Medienlandschaft. Zuckerberg behielte ja noch ein Prozent seines Vermögens und gebe sein Vermögen auch gar nicht aus der Kontrolle in gemeinschaftliche Obhut, schalmeit es da aus der Presse.

Doch am deutlichsten ist wohl der Kommentar von Markus Preiß in den Tagesthemen vom 2. Dezember: Er behauptet nicht nur, dass solche Entscheidungen nicht privat sondern demokratisch – also über den Staatshaushalt – getroffen werden müssten. Er ist sich nicht einmal zu schade, das Fiasko um den Berliner Flughafen in der Beispielreihe staatlicher und folglich legitimer Ausgaben aufzuzählen. Um jeden Preis am Staat festzuhalten, Steuern nicht mehr als Mittel, sondern als Zweck der Wohlfahrt zu setzen, ist deutscher Geist. Diesem deutschen Denken ist es schon egal, ob Frontexboote oder Kindergärten finanziert werden, solange nur der Haushalt stimmt und niemand zu viel erhält.

Bereitwillig gibt das deutsche Subjekt seine Macht an den vermeintlich vernünftigen Hegemon ab und verleiht seinem politischen Willen schlimmstenfalls durch den Beitritt zum Bund der Steuerzahler Ausdruck. Diesem Denken begegnet jedes zivilgesellschaftliche Engagement als Idiosynkrasie und gegen diese Idiosynkrasie regt sich das Ressentiment.
Man mag die Wirkkraft der Spenden bezweifeln, doch entgegen des mit antisemitischen Vorbehalten aufgeladene Ressentiment derjenigen, die ihre Subjektivität schon längst in der Zweiten Natur aufgehoben haben, kann man die in den USA bestehende „Philanthropie“ der Buffets, Gates‘ und Zuckerbergs nur begrüßen.

 

von Benjamin W.

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