Mit Kultur gegen Antirassismus. Der Streit um ein diffamierendes Firmenlogo der Mainzer Firma „Thomas Neger“

In den 1950er-Jahren kreiert der Mainzer Fastnachter und Unternehmer Ernst Neger, ein Logo für seine Dachdeckerfirma. Es zeigt einen hammerschwingenden Schwarzen mit schwulstigen Lippen, riesigen Kreolen und einem Bastrock, der auch als Dach interpretiert werden könnte. Die stilisierte Vorstellung eines Schwarzen aus kolonialen Zeiten also, wie sie auch in anderen (post-)kolonialen Gütern, etwa den Asterix-Bänden Uderzos, zu finden sind. Tatsächlich entspringt es der Gedankenwelt der postnazistischen 50er-Jahre. Es verwundert daher nicht, dass der Großvater des heutigen Firmeninhabers sich gerade die zeitgenössische wie prototypische Vorstellung eines „Negers“ zum Firmenlogo wählte.

Die Debatte auf ihrem vorläufigen Höhepunkt

Bereits seit 2013 wird in Mainz über das Logo der Dachdeckerfirma Thomas Neger, der Enkel des Gründers, debattiert. Der heutige Firmeninhaber gab zwar kund, dass er das Logo überdenken würde, sobald sich Schwarze bei ihm persönlich beschwerten. Doch obwohl dies eintrat, revidierte der CDU-Lokalpolitiker und beliebte Mainzer Fastnachter Thomas Neger das Logo nicht. Seitdem spitzt sich die Debatte zu. Selbstverständlich findet sich in der vermeintlichen Anonymität der Sozialen Netzwerke ein buntes Potpourri an Beleidigungen und Schmähungen gegen die berechtigten Anliegen einer Aktionsgruppe, die sich „Das Logo muss weg!“ nennt.

Auch international wurde die Debatte beachtet. Hiesige Medien versuchen sich in Sachlichkeit und Mediation. Sogar „Die Welt“ interviewt den Mainzer Ethnologieprofessor Matthias Krings, der sich klar dafür ausspricht, das rassistische Logo zu verbannen, Thomas Neger jedoch von Rassismus freispricht. Eine Position der Mitte – angesichts der angespannten Debatte.

Die Süddeutsche Zeitung jedoch befördert das Geschreibsel des deutschen Mobs von den Kommentarspalten in einen eigenen Artikel, der „Political Absurdness“ getauft wurde. In diesem Artikel werden die Ressentiments der nach Volksgemeinschaft und Eigentlichkeit strebenden deutschen Mentalität verdichtet wiedergegeben. Das ist bei Artikel, die sich auf Juden beziehen durchaus gewöhnlich für die SZ, in der auch gerne mal Israel als gefräßiges Monster diffamiert und jüdische Unternehmer als nahezu weltbeherrschende Kraken entmenschlicht werden. Dass sich eine als liberal gebende Zeitschrift aber gerade beim Themenfeld Rassismus den Volksdeutschen hingibt, ist neu. Aus Sicht des Verfassers stehe bei dieser Debatte nicht nur das Logo, sondern mit ihm Tradition und Kultur auf dem Spiel – und da jede Form von (deutscher) Kultur anscheinend gut an sich sei, ist es dem Redakteur auch nicht zu peinlich, die (sicherlich auch irgendwie ironisch gemeinten) Fragen zu stellen, ob „Schaumwaffeln mit Migrationshintergrund“ nun auch verboten werden müssten und ob die Fastnachtsschlager des Großvaters „Heile Heile Gänsje“ denn latent Entenfeindlich sei.1

Kulturalismus als Abwehrstrategie

Eine solche Wertschätzung deutscher Kultur ist alt, war Kultur in Deutschland (anders als in Frankreich oder England) als wesenseigener und urtümlicher Gegenbegriff zur aufklärerischen Vorstellung der Zivilisation spätestens seit Spengler populär. Als Abwehrstrategie gegen antirassistisches Denken ist die Wertschätzung der Kultur mindestens so alt wie die BRD. In der qualitativen Pilotstudie „Schuld und Abwehr“ des Frankfurter Instituts für Sozialforschung aus den 50er-Jahren erkennt Adorno bei einem Versuchsteilnehmer das Nachleben der Rassentheorie im Begriff der Kultur: Dieser Teilnehmer verstand den Westkurs der BRD als Koalition der „weißen Rasse“ zur Rettung der abendländischen Kultur gegen Russland. Adorno folgert: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch“2.

Was in den 50er-Jahren im Entstehen war, ist im Deutschland der Gegenwart ideologischer Alltag.3 Egal ob Moschee, Chlorhühnchen oder Firmenlogo – jeder Deutsche darf irgendwo den kulturellen Volkstod befürchten und fühlt sich bemüßigt, den kulturell „Fremden“, ehemals rassisch Minderwertigen, seinen gesellschaftlichen Platz zuzuweisen. Eine solche Gesellschaft hat nicht nur größere Probleme als ein Firmenlogo – sie ist das Problem. Eine antirassistische Kritik des Logos, die zugleich Deutsche Zustände entlarven will, könnte diese Mechanismen der Schuldabwehr zum einen berücksichtigen, müsste sich dazu aber zum anderen auf eine Position stellen, die selbst einigermaßen von kulturalistischen Denkmustern bereinigt ist. Eine solche Position könnte der aufklärerische Zivilisationsbegriff bieten, der allerdings den „Zivilisationsbruch“ mitdenken müsste. So könnte der ideologische Konnex kulturalistischer Normalität aufgedeckt und mit dem Logo auch die Zustände, in denen ein solches Logo bewusst tradiert wird, kritisiert werden.

Sicherlich muss aber auch die pragmatisch ausgerichtete Arbeit der Aktionsgruppe „Das Logo muss weg“ gegen die rassistischen wie kulturalistischen Anfeindungen des deutschen Mobs verteidigt werden und verdient in ihrem berechtigten Anliegen Solidarität.

von Benjamin W.


1 Und das ist vllt. nicht einmal die furchtbarste Zeile im Artikel. Zum einen wird das alles mit Tradition verteidigt – das Logo sei schon 80 Jahre alt (wenn das stimmte, stammte das Logo aus Zeiten des NS-Regimes) und deshalb unbedingt erhaltenswert. Zum anderen befördere die Kritik am Logo nur Ausländerfeindlichkeit in Deutschland – dass an Ausländerfeindlichkeit deutsche Ausländerfeinde Schuld sein könnten, kommt dem Verfasser nicht.
2 Theodor W. Adorno (1997), Schuld und Abwehr, S. 277 (= Gesammelte Schriften 9.2).
3 Ausführlicher: Benjamin Bauer, Instrumenteller Sozialkonstruktivismus, in: Distanz 1/2015, S. 25-34.
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