Das Ende der (Ersten) Welt wie wir sie kannten

Simon Dudek

Schwerlich kam man in den vergangen Wochen an Jeremy Rifkins Ansatz der Null-Grenzkosten-Gesellschaft vorbei. Zu präsent war der Autor dafür in den öffentlich-rechtlichen Programmen, zu brisant die Ankündigung, ein Wirtschaftswissenschaftler prophezeie das Ende des Kapitalismus.

Soviel vorweg, Rifkin liefert mit der Null-Grenzkosten-Gesellschaft keine Revolutionstheorie. Die unterdrückten dieser Erde erheben sich nicht, es gibt keine Internationale, die das Menschenrecht erkämpft und auch die persönliche Entscheidung, ob man ‚zweimal mit der gleichen pennen will’ ist nicht im Fokus dieser Analyse. Vielmehr noch, Rifkin verweigert sich der Marxschen Theorie wo es nur geht. Gerade in seiner historischen Analyse des Kapitalismus (Kapitel I) sind die Analogien augenfällig, etwa in der Einsicht, dass die ersten beiden industriellen Revolutionen mit einer umfassenden Weltansicht kamen, „die das Wirtschaftssystem legitimierte indem sie nahe legten, seine Mechanismen reflektierten die Funktionsweise der Natur selbst – was sie unanfechtbar zu machen schien“ (S.88).
Ein einziges mal setzt sich Rifkin in seinem Buch mit Marx auseinander – so ist er im Gegensatz zur, im ‚Kapital’ vertretenen Perspektive, der Ansicht, dass der Ursprung des Kapitalismus nicht im Feudalismus sondern in der mittelalterlichen Zunftgesellschaft zu finden ist. Diese Perspektive ist nur schlüssig, wenn man die spezifisch kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse außen vor lässt, die mit der Massenproduktion der industriellen Revolution Einzug hielten – also gar nicht. Bei der Lektüre der „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ kommt einem dabei oft der Gedanke, dass Rifkin nur allzu leicht dazu tendiert, die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus nachzuerzählen ohne dessen Kehrseite zu betrachten.
Ein amüsantes Beispiel findet sich auf Seite 27. In seinem Loblied auf die Möglichkeiten der, durch das Internet der Dinge verbundenen, Welt schreibt Rifkin: „Sensoren in Städten, Vorstädten und ländlichen Gemeinden messen im Auftrag der Wissenschaft die Luftverschmutzung und warnen die Bürger vor toxischen Bedingungen, sodass der, der sich diesen nicht aussetzen möchte, daheim bleiben kann“. Nun, man kann sich an dieser Stelle selbst überlegen, wie oft man es sich leisten kann, zuhause zu bleiben – es ist nur den Glücklichsten von uns vorbehalten.

Die Rifkinsche Überwindung des Kapitalismus hat seinen Ursprung in der Überlegung, dass der größte Anteil der Grenzkosten, also den Nebenkosten der Produktion, in den meisten Arbeitsfeldern in der Infrastruktur zu finden ist. Die Entwicklungen der Informationsindustrie ermöglichen nun die Etablierung einer neuen, „intelligenten öffentlichen Infrastruktur“ (S.100) – dem Internet der Dinge, einer „Fusion von Kommunikations-, Energie- und Logistikinternet zu einer integrierten Betriebsplattform“ (S.30). Dieses Internet der Dinge ermöglicht die größtenteils kostenlose Versorgung mit und Verwaltung von Energie. Gleichzeitig führt das Aufkommen der kollaborativen Commons dazu, dass allen Menschen der kostenlose Zugang zu höherer Schulbildung ermöglicht wird (mittels sog. mooc – massive open online courses) (S.163ff.).
Jeremy Rifkins „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ ist das Buch eines Autors, der in einer Welt von Apps und 3D-Druckern lebt. Für diese Gesellschaft liefert das Buch eine faszinierende Erzählung von den Möglichkeiten der Vernetzung. Wenn sich in diesen Tagen der offenbar unvermeidbare Sloterdijk wieder zu Wort melden muss, die ‚schrecklichen Kinder der Neuzeit’ bedauert und die Menschheitsgeschichte aus der Perspektive elitärer Abstiegsangst betrachtet, ist Rifkins Ansatz das richtige Gegengift. Eine Gesellschaft in welcher der Mensch kein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes, Wesen ist kann nur mit Hilfe des Fortschritts hergestellt werden. Allerdings muss festgehalten werden, dass auch die „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ keine befreite Gesellschaft ist. Das ist auch nicht Rifkins Intention. Für Ihn bringt die Null-Grenzkosten-Revolution „neue Möglichkeiten zur Schaffung anderer Güter und Dienstleistungen […], die durch ausreichend große Profitmargen weiterhin für Wachstum sorgen und sogar dafür, dass das kapitalistische System auch weiterhin blüht“ (S.15).
Einer politischen Linken, die sich unter dem Deckmantel von Daten- und Umweltschutz selbst versagt ‚nach dem ganzen Kuchen zu greifen’ sei dieses Buch dennoch ans Herz gelegt. „Diese Gesellschaft besitzt in Wirklichkeit die menschlichen und technischen Mittel um das Elend in seiner gröbsten materiellen Form abzuschaffen. Wir wissen von keiner Epoche, in der diese Möglichkeit in solchem Ausmaß wie heute bestanden hätte. Nur die Eigentumsordnung steht ihrer Verwirklichung im Wege“1  – dieser Satz wird mit jedem Tag wahrer.

JEREMY RIFKIN: DIE NULL-GRENZKOSTEN-GESELLSCHAFT

Campus Verlag 2014, 525 Seiten.

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1 Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften, Bd. 2. Frankfurt, 1987. S.332 f..

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