Das Elend der Pluralen Wirtschaftswissenschaften

2017 feierte Das Kapital – das Hauptwerk von Karl Marx – den hundertfünfzigsten Geburtstag seiner Ersterscheinung. Man stelle sich einmal vor dieses Fest fiele in die Nachkriegsära Konrad Adenauers oder in die Kiesingers und die Autoren jener Blätter, die maßgeblich für die Meinungsbildung in der Bundesrepublik sind, schrieben sich die Finger wund ob der Frage, ob man denn noch etwas von Marx lernen könne oder ob er irgendwie Recht gehabt habe.[1] Das ist zwar eine nette Vorstellung, entbehrt aber jeder realen Möglichkeit. Denn außer bei einigen kritischen Studentinnen oder Studenten und deren entsprechend kritischen Lehrenden, K-Gruppen und später Autonomen wäre dieses Ereignis nicht auf Interesse, geschweige denn auf Liebe gestoßen. Nachdem aber bekanntlich 1991 die Geschichte zu Ende ging (Fukuyama) und es seit dem in der Wissenschaft nicht mehr um einen emphatischen Wahrheitsbegriff, der sich an seinen Gegenständen entwickelt, im Vorhaben mit bestimmter Erkenntnis etwas am Dasein der Menschen zu verbessern,[2] sondern um den Austausch von meist theoretischen Ansichten zum Ding des Interesses geht, scheint es kein Problem mehr zu sein, dass auch das Aufwerfen einer marxistischen Perspektive nicht mehr diesen linken Randerscheinungen der Gesellschaft vorenthalten bleibt, sondern eben auch von der Journaille, aber auch von sich kritisch dünkenden Studentinnen und Studenten erledigt werden kann, die Symptom eines gesellschaftlichen Umstands sind. Um was es hier in aller Kürze gehen soll, ist das Problem der Abstraktion von der wirklichen gesellschaftlichen Totalität der „kritischen Studierenden“, die sich in der Initiative Plurale Ökonomik engagieren, durch kursorische Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie Marxens darzustellen.

Seit 2008 ist die Welt in einer tiefen ökonomischen und damit gesellschaftlichen Krise. Dass zwei Tübinger Mitglieder des Netzwerks Plurale Ökonomik darauf hinweisen, dass selbst Queen Elizabeth sich frage, wieso das denn niemand vorausgesehen habe,[3] deutet auf zwei Probleme hin: 1) Die gesellschaftliche Krise ist da und sie ist nicht die erste. 2) Niemand, nicht einmal die Wirtschaftswissenschaftler, deren Broterwerb ja eigentlich die Erkenntnis der politischen Ökonomie, d. h. der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, ist, konnten diese Krise vorhersehen und abwenden oder abschwächen.

Die Initiative der Pluralen Ökonomik ist eine Vereinigung, die sich international für das Beheben wissenschaftlicher Missstände an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten landauf- und landabwärts einsetzt. Das momentan herrschende Dogma der Neoklassik, welches sie auch als „Autismus“[4] bezeichnet, sieht diese Initiative als Ideologie an, die sowohl undemokratisch, als auch den realen Tatsachen nicht gerecht werdend sei.[5] Das Problem der bestehenden Wirtschaftswissenschaft bestehe darin, dass durch diesen „Methodenmonismus“ die Krisen des Wirtschaftens nicht adäquat erfasst werden könne.[6] Der Gegenvorschlag besteht darin viele verschiedene ökonomische Schulen heranzuziehen oder auch zu mischen. Dabei kommt eine ebenso lange wie willkürliche Liste an Theorieschulen heraus, die in großen Teilen in keinem immanenten Verhältnis zu einander stehen. Die Liste besteht aus: Marxismus, Hayekianismus, Neokeynesianismus, feministischer Ökonomik oder der Komplexitätsökonomik.[7] Zudem sollen „postkoloniale Perspektiven etc. berücksichtigt werden. Ohne die einzelnen Theorien hier ausführen zu können, halten wir ganz einfach erst einmal fest, dass die Liste in „wirklich pluralistischem Sinne“ unvollständig ist. Es fehlen bspw. der in den siebziger Jahren schwer in Mode stehende Neo-Ricardianismus oder auch die zumindest unter Anthroposophen und Hippies heiß diskutierte Theorie von Silivio Gesell und auch von Schumpeter ist hier nicht die Rede – aber das nur am Rande.

Das Problem der Pluralen Ökonomen besteht – um es auf den Punkt zu bringen – darin, dass die Theorie, die die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaften über die Realität der kapitalistischen Gesellschaft aufstellt, sich in der Wirklichkeit nicht bewahrheitet. Das ist ein lupenreines positivistisches Vorgehen und dazu passt auch hervorragend die Feststellung, dass alle anderen Wissenschaften ihre Theorien ändern, wenn sich diese in der Wirklichkeit nicht bewahrheiten.[8] Dass der Marxismus,[9] der ja auch in der bunten Mischung der Theorien auftaucht, ein ganz anderes Vorgehen hat, scheint da einfach nicht zu interessieren oder zu stören, denn das Ziel des bedingungslosen Pluralismus ist mit der bloßen Nennung ja erreicht. Mit diesem Marxismus wollen wir uns jetzt etwas beschäftigen um einen Unterschied herauszustellen.

In den 1844 entstandenen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten schreibt Marx an einer Stelle einfach das Inhaltsverzeichnis der Phänomenologie des Geistes von Hegel ab.[10] Das macht er nicht einfach deswegen, weil er zeigen will, dass er ein gebildeter und studierter Mann ist, der Umstand hat vielmehr einen im Gegenstand zu suchenden Grund. Die Methode Hegels, wenn man hier überhaupt von einer fixierten Methode sprechen kann, ist nämlich die am Gegenstand gemachte Erfahrung, die sowohl das erfahrende Bewusstsein, als auch den Gegenstand aufhebt.[11] Die an der Geschichte und den Gegenständen gewonnenen logischen Formen erscheinen historisch gleich bleibend unterschieden (etwa durch die im Kapital unterschiedenen Formen von absolutem und relativem Mehrwehrt) und werden von ihrer Durchsetzung eingeholt. Da Marx aber Hegel „umstülpen“[12] möchte, sind bei ihm die Dinge, die die Welt im Ganzen zusammenhalten keine Ideen, sondern gesellschaftliche Totalitäten: „Bei mir ist […] das Ideelle nichts andres, als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“[13] Das heißt für eine Kapital- und Staatskritik, die Marx zweifelsohne leisten wollte, ist ebenso eine Kritik der Ideen – eine Ideologiekritik – von Nöten, da sie das Materielle eben nicht einfach abbilden, sondern es umsetzt. Ideologie ist deshalb an den bestehenden materiellen Formen ebenso beteiligt, stellt sogar die Einheit von Verschiedenem überhaupt erst her, wie die leiblichen Individuen und die von ihnen bearbeiteten Gegenstände. Denn: Einen Staat, das Kapital, das Geld oder die Gesellschaft hat noch niemand gesehen. Sie existieren nur in ihren Erscheinungen als konkreter Staat, Einzelkapitalie, als Euros, Dollars oder Pfund oder als sich konkret unterscheidende Gesellschaften. Die historische Basis setzt einen Überbau, der die nötige Einheit der kapitalistisch produzierenden Gesellschaft überhaupt erst herstellt; real ist diese nämlich eine ganz schön widersprüchliche oder krisenhafte Angelegenheit und funktioniert auch nur als solche. Marxistisch-leninistisch würde man sagen: Es gibt einen Grundwiderspruch des Kapitalismus von Lohnarbeit und Kapitalisten, der von solchen Leuten jahrelang zu Agitationszwecken verwendet wurde und wird. An diesem Widerspruch ist etwas Wahres dran, nur geht das Kapital darin eben nicht auf, denn dann unterschiede es sich auch nicht von absolutistischer Herrschaft und feudaler Produktion. Das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis ist aber genau das Gegenteil. Es ist ein apersonales, abstraktes Herrschaftsverhältnis der durch die bürgerlichen Revolutionen möglich gewordenen Formen von Politik und Produktion über den Menschen.

Die erwähnte Krise ist in den grundlegendsten Formen des Kapitals angelegt und bedarf keiner periodisch widerkehrenden Krisen, was nicht heißt, dass diese sich nicht von Zeit zu Zeit verschärfen: „Er [der Wert als Existenzweise des Gelds, der Ware und des Kapitals] geht beständig aus der einen Form in die andere über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren […].“[14] Der Wert und damit auch das Kapital sind also nur mit sich identisch, wenn sie ihre Form stetig ändern. Das ist eine Krise. Die Individuen dieser Gesellschaftsform müssen bspw. rechtlich als Freie und Gleiche konstituiert sein, damit sie in der für sie notwendigen Form der Reproduktion ihres Leibes der Lohnarbeit als konkurrierende untereinander und zu ihrem „Arbeitgeber“ auftreten können – und umgekehrt. Damit dieses Verhältnis mit sich als identisch erscheinen kann, bedarf es Kräfte, die die Einheit herstellen: Das erledigen der Staat und auch ein Großteil der Einzelwissenschaften, die vom Wesen des Kapitals – das heißt seiner historischen Bestimmung als Krisenbewegung – abstrahieren und es sich verdinglicht gegenüberstellen, um dann an seinen Erscheinungsform „als nur etwas aus den Fugen geratenes“ herum zu laborieren.

Die Wirtschaftswissenschaft ist demnach also tatsächlich Ideologie, aber nicht einfach als falsche Meinung, sondern als richtige Meinung von der falschen Sache.  Aber das kann man in positivistischen Kategorien nicht fassen, sondern nur wenn man versucht die Wirklichkeit des Kapitals auf seinen theoretischen Begriff zu bringen. Prägnant kommt das in der achten These über Feuerbach zum Ausdruck: „Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie die Theorie zum Mystizism[us, i.O.] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis in dem Begreifen dieser Praxis.“[15] Damit ist schon gesagt, dass das Problem der kapitalistischen Krise nicht dadurch gelöst wird, dass sich Jungakademiker eine besonders demokratisch-pluralistische Theorie dieser Krise ausdenken, mit der sie dann an bspw. staatliche Institutionen herantreten damit diese dann ihre wie auch immer ausbuchstabierten Lösungsvorschläge umsetzen.

Wenn der Staat wie im Falle von 2008 den ökonomischen Ausnahmezustand ausruft, dann nicht einfach um es festzustellen, sondern um die Krise zu bewältigen. Dafür braucht er findige Ideologen, die die Krise wieder in geregeltere Bahnen lenken. In ihrer Sprache hieße das: „Die Krise überwinden.“ Dass sie damit nur das Kapital, was durch seine krisenhafte Konstitution an seinem eigenen Ast sägt, nur stärker werden lassen, weil es sich auf höherer Stufenleiter reproduziert, muss den Ökonomen und den Pluralen Ökonomen besonders entgehen. Sie haben vom Kapital wenig bis nichts verstanden: „Bei den modernen Ökonomen, die auf die Illusion des Monetarsystems [als gesellschaftliches Produktionsverhältnis] herabgrinsen, verrät sich dieselbe Illusion, sobald sie höhere ökonomische Kategorien handhaben, z. B. das Kapital. Sie bricht hervor in dem Geständnis naiver Verwunderung, wenn bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheint, was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten, und dann wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches Verhältnis fixiert hatten.“[16] Die moderne politische-Ökonomie tut also so, als wäre sie von der Gesellschaft isoliert und könnte, sich der Dinge nach individueller Kosten-Nutzen-Rechnung bedienen. So denkt übrigens auch das einzelne bürgerlich-kapitalistische Subjekt, ist demnach ein Krisenbewältiger im Kleinen. Das hat Marx im Kapitel über den Warenfetisch im Kapital ausgiebig behandelt. Dieser Fetisch „radikalisiert“ sich mit einer Verschärfung der allgemeinen Krise, was sich in Theorien, wie der „Grenznutzentheorie“[17] u. ä. zeigt.

Die marxsche kritische Theorie war noch nie eine reine ökonomische Theorie, sondern die Einheit von Kapital-, Staats-, Politik-, Ideologiekritik und Revolutionstheorie. Revolutionstheorie ist aber nicht so zu verstehen, dass Marx eine Theorie aufgestellt hat, die dann von einem revolutionären Subjekt – damals der Arbeiterklasse – in der Wirklichkeit umgesetzt werden muss. Das entspräche einem Marxismus, wie er z. B. von der Gruppe Krisis vertreten wird.[18] Die Kritik Marxens hat die Revolution aber nicht nur als bloße Vorstellung zum Inhalt, sondern ist ebenso seine Bedingung. Der marxsche kategorische Imperativ steht vor der Ausformulierung seiner kritischen Theorie. Das tut sie nicht aus ethischen oder moralischen Gründen, sondern weil sich mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft das Proletariat an sich als Bedingung dieser Produktionsform begreifen kann und „an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz [tritt] ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation.“[19] Alle Versuche diese in gewisser Weise geschichtsphilosophische  Grundlage dieses entfalteten Existenzialurteils kleinzureden, münden in akademischem Marxismus, der höchstens in die Wirklichkeit springen kann oder der Möglichkeit den historischen Materialismus in die pluralistischen Abteilungen von journalistischer Öffentlichkeit oder der Wissenschaft einzugemeinden. Dieser Umstand beruht darauf, dass das Subjekt der sich zur Klasse aggregierten Arbeiter, mit der stetigen Verbürgerlichung der Arbeiter und der Proletarisierung des Bürgertums durch fortschreitende Verrechtlichung der Gesellschaft, schal geworden ist. Die Krise ist „hypnotisiert“[20] und wird zum autoritären Staat, womit die Grundlagen des Nationalsozialismus geschaffen und heute noch nicht abgeschafft wären.[21]

Im Manifest der Kommunistischen Partei positioniert sich Marx gegen die verschiedenen Sozialismen seiner Zeit und weist sie als unter dem Niveau der historisch bestimmten Kritik aus. Ob die Pluralen sich als Sozialisten bezeichnen würden oder ob sie sich überhaupt als gesellschaftlich tätig ansehen, ist unklar. Wahrscheinlich würden sie solch eine Behauptung gnadenlos wegpluralisieren. Dass Ideologieproduktion aber keineswegs außerhalb der Gesellschaft stattfinden kann, sollte klar geworden sein. Die Pluralen agieren, wenn man sie in die Debatte von 1848 – also innerhalb einer politischen und ökonomischen Krise wie heutzutage – einordnen wollte auf dem Niveau eines konservativen Sozialismus: „Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.“[22] Das ist auch das Programm der Pluralen Ökonomik. Nur tun sie so, als müsste gleiches Recht erst eingeführt werden, weil es im Neoliberalismus nicht oder nur marginal wirklich sei[23]. Dabei wird geflissentlich davon abstrahiert, dass gleiches Recht die Voraussetzung für eine Gesellschaft ist, die auf Ausbeutung beruht und umgekehrt: „Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung an und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht.“[24] Das bloße Einfordern (ohne rationalen Grund) und ebenso das bloße Vorschlagen neuer wissenschaftlicher Verfahrensweisen, die in seiner durchdachten Konsequenz neue rechtlich-administrative Verfahrensweisen bedeuten, ist so richtig wie falsch. Es agiert auf dem Boden des autoritären Staates im schlechten Sinne.

Dass sie mit der bedingungslosen Affirmation der Komplexitätsökonomik genau auf dem fetischisierten Stand der autoritär-neoliberalen kapitalistischen Vergesellschaftung stehen, merken die Pluralen Ökonomen nicht. Zu dieser Untheorie verlauten sie: „Anders als die Neoklassik geht die Komplexitätsökonomik […] davon aus, dass eine ökonomische Ordnung nicht per se gegeben ist. Stattdessen wird sie durch die Selbstorganisation des Systems [von freien Individuen qua gleichem Recht] geformt, die sich aus der direkten Interaktion der beteiligten Individuen ergibt.“[25] In ihrem sozialdemokratischem Jargon haben sie noch einmal theoretisch vollzogen, was die Sozialdemokratie praktisch eigentlich schon längst vollzogen hatte: Verwandlung von der „revolutionären Organisation der Arbeiterklasse“ zum Krisenhelfer des Kapitals.[26]

Weil die Pluralen Ökonomen von der gesellschaftlichen Konstitution ihres Vorhabens und denen der Universität, die hier noch gar nicht behandelt wurden, aber einer eigenen Abhandlung benötigten, abstrahieren, ist mit ihnen „radikale Emanzipation“ – wie sie es nennen – nicht zu machen und auch nicht theoretisch zu durchdenken. Sie sind einfach nur schlechte Sozialdemokraten, wie sie sich momentan zuhauf in der Linken finden, die für jede Mucke des Kapitals die richtige Theorie parat zu haben scheinen und darauf aufruhend ihre Form nationaler Einheit politisch herstellen – Carl Schmitt für Sozialdemokraten.[27] Nur dann sollte man sich auch gleich in die Schaltzentralen der Gesellschaft aufmachen und keine pseudoradikalen Phrasen schwingen. Engels hat völlig zu Recht vor Individuen gewarnt, die sich revolutionär dünken, aber sich nicht mit „Ökonomie, Geschichte des Handels, der Industrie, des Ackerbaus, der Gesellschaftsformen“ beschäftigen wollen.[28] Das wäre aber bitter nötig, wollte man mehr produzieren als pluralistischen Hausrat, der nur auf einer Welle gesellschaftlicher Beliebigkeit und intellektueller Unredlichkeit aus dem Bedürfnis der Krisenbewältigung aufschwimmt.

 Philipp Roggenkamp

 Der Autor studiert Philosophie und Soziologie im Bachelor in Tübingen. Er hat am 22. November 2017 zu diesem Thema im Rahmen der jour fixe Veranstaltungsreihe der Kritischen Uni Tübingen referiert. Dieser Aufsatz stellt eine überarbeitete Fassung dieses Vortrages dar.

 

[1] Ich spare mir den Nachweis einzelner Artikel, da diese äußerst wichtigen Fragen nahezu von allen Zeitungen von der Welt bis zur taz behandelt wurden und man einfach nur eine Suchmaschine mit den richtigen Suchwörtern füttern muss, um einen Einblick in die Abgründe dieser Berichterstattung zu erlangen. Die wichtigste Frage bezüglich der Aktualität Marxens wurde allerdings von der Fachgruppe Philosophie der Universität Stuttgart gestellt: „Kommt Marx mit zu Burger King?“

(https://www.facebook.com/FG.Philo.Uni.Stuttgart/photos/a.253328911395040.61448.244617382266193/1666032856791298/?type=3&theater, letzter Aufruf 19.02.2018).

[2] Es wäre eine romantische Vorstellung im Jargon der Eigentlichkeit, dass dies jemals das Hauptaugenmerk der Wissenschaft seit sie sich im Mittelalter institutionalisierte gewesen sei. Wenigstens wurde aber einmal zu einer Zeit um etwas an der Uni gestritten und es war nicht alles ein Austausch von vermeintlich gleich berechtigten Meinungen, die man nicht verletzen darf.

[3] Vgl. Carla Coburger  / Patrick Klösel :  Wider das Einheitsdenken. Plädoyer für Pluralismus in der Wirtschaftswissenschaften. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 7/2017, S. 99.

[4] Vgl. Thomas Dürmeier: Post-Autistic Economics. Eine studentische Intervention für plurale Ökonomik. In: Intervention 2 (2)/2015. Die Recherchen zum Netzwerk selbst beschränken sich mit Ausnahme des Artikels von Coburger und Klösel auf die Materialien – also die Selbstdarstellung zu Werbezwecken –, die auf der Webseite der Pluralen Ökonomik (s. Anm. 5) zur Verfügung gestellt werden

[5] Vgl. Peter Söderbaum: Economics as Ideology and the Need for Pluralism (https://www.plurale-oekonomik.de/fileadmin/redakteure/bund/pdf/Materialien/Soederbaum.pdf, letzter Aufruf 23.02.2018). Um einige Kritik vorwegzunehmen: Natürlich ist es sinnvoll, eine Wissenschaft, die in ihrem Monismus nichts von der Wirklichkeit begreift, zu kritisieren. Nur dürfte man dann nicht erneut auf die fetischisierten Kategorien dieser Wissenschaft hereinfallen; vor allem nicht, wenn man auf „radikale Emanzipation“ aus ist, wie es die Pluralen beim Plausch ausplaudern, was immer diese Phrase auch bedeuten mag. Die Pluralen fallen aber auf ganzer Bandbreite auf diese Formen herein.

[6] Vgl. Coburger / Klösel: Wider das Einheitsdenken. A. a. O., S. 99.

[7] Vgl. ebd., S. 100.

[8] Vgl. ebd., S. 102.

[9] Für ganz Genaue: Marx wollte natürlich nie einen Marxismus ähnlich eines Kantianismus erschaffen, geschweige denn selbst Marxist sein.

[10] Vgl. Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. Gesamtausgabe. Abteilung I. Bd. 2. Berlin: Akademie 1982, S. 277f.

[11] Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Werke. Redaktion Eva Moldenhauer & Karl Markus Michel, Bd. 3. 13. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014, S. 78.

[12] Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Marx-Engels-Werke. Bd. 23. Berlin: Dietz 1976, S. 27.

[13] Ebd. – meine Hervorh.

[14] Ebd., S. 168f.

[15] Marx: [Thesen über Feuerbach]. Marx-Engels-Werke. Bd. 3. Berlin: Dietz 1969, S. 7. – Hervorh. i. O.

[16] Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Marx-Engels-Werke. Bd. 13. Berlin: Dietz 1975, S. 22.

[17] Vgl. Alfred Sohn-Rethel: Gespräch über die Genese der Ideen von Warenform und Denkform. In: Ders.: Frühe Schriften. Hg. v. Oliver Schlaudt & Carl Freytag. Freiburg i. B.: ça ira 2012, S. 274.

[18] Vgl. Initiative Sozialistisches Forum: Der Theoretiker ist der Wert. Eine ideologiekritische Skizze der Wert- und Krisentheorie der Krisis– Gruppe. 1. unveränderter Nachdruck. Freiburg i. B.: ça ira 2006, insbes. S. 91f.

[19] Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Dies.: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Bd. I. Berlin: Dietz 1974, S. 37.

[20] Max Horkheimer: Autoritärer Staat. In: Helmut Dubiel / Alfons Söllner (Hg.): Wirtschaft Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939-1942. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1981, S. 56.

[21] Dass spätestens mit dieser Hypnose die Voraussetzungen für einen traditionellen Marxismus, der auch dem Kommunistischen Manifest in seiner Geschichtsteleologie zugrunde liegt und nicht wie der reifere Marx von den Charaktermasken (als die die bürgerlichen Subjekte die Gesellschaft exekutieren) des Kapitals spricht, gefallen sind, hat Wolfgang Pohrt (Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt. 3. Aufl. Berlin: Edition Tiamat 2013, insbes. S. 50) herausgestellt. Darin liegt die grundlegende Schwierigkeit für kritische Theorie nach dem Nationalsozialismus. Allerdings darf auch nicht einfach das Fehlen eines „Nichtidentischen“ (Adorno) konstatiert werden, denn dann ist jede wahre Kritik jenseits moralischer Einlassungen am Ende – Symptom der Postmoderne. Vgl. Manfred Dahlmann: Kritische Theorie am Ende? Über die Antinomien totaler Vergesellschaftung bei Stefan Breuer und Wolfgang Pohrt. In: Ders: Das Rätsel der Macht. Michel Foucaults Machtbegriff und die Krise der Revolutionstheorie. Freiburg i. B. & Wien: ça ira 2017.

[22] Marx / Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. A. a. O., S. 52. – meine Hervorh.

[23] Das heißt natürlich nicht, dass man nicht aus guten Gründen die Zurücknahme von bestimmten Rechten, die individuelle Freiheit garantieren, kritisieren oder eine zumindest teilweise Sicherung der Existenz durch den Staat einfordern kann. Nur basieren die konkreten Formen dieser Beispiele auf der kapitalen Vergesellschaftung und sind nur in höchst eingeschränktem Maße für eine „dauerhafte Krisenbekämpfung“ zu gebrauchen. Wer vom Kapital nicht reden will, soll auch von der Krise schweigen.

[24] Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei. In: Ders. / Engels, Friedrich: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Bd. II. Berlin: Dietz 1970, S. 16f. – Hervorh. i. O.

[25] Coburger / Klösel: Wider das Einheitsdenken. A. a. O., S. 103.

[26] Vgl. Hans G. Helms: Marxismus und Bundesrepublik. Zur Verwandlung der sozialdemokratischen Partei von der revolutionären Organisation der Arbeiterklasse zum ‚Grenzträger‘ der monopolkapitalistischen Herrschaft. In: Ders.: Fetisch Revolution. Marxismus und Bundesrepublik. Darmstadt & Neuwied: Luchterhand 1973.

[27] Vgl. Gerhard Scheit: Kelsen für Anarchisten, Schmitt für Sozialdemokraten. Über die Theorien von Daniel Loick und Chantal Mouffe. In: Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie 2015/2(1), S. 126ff.

[28] Friedrich Engels: [Brief vom 5. August 1890 an Conrad Schmidt]. Marx-Engels-Werke. Bd. 37. Berlin: Dietz 1956, S. 437.