Contre le monde, pour la vie

Von Simon Dudek

Mit Unterwerfung legt Michel Houellebecq seinen ersten Campusroman vor und verschafft diesem – in Deutschland vor allem durch Dietrich Schwanitz bekannt gewordenen –  Genre damit eine breitere Beachtung. So hätte die nüchterne Einleitung dieser Rezension lauten können, hätten nicht Anfang Januar Terroristen die Redaktionsräume von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt als Ventil für ihren Hass auserwählt und hätte man nicht im Anschluss den Romancier höchst selbst als Auslöser des Anschlags ausgemacht.

Islamophobie bei Houellebecq

Wer das Œuvre Michel Houellebecqs kennt, der weiß, dass der Vorwurf der Islamophobie seine Romane Plattform[1], Elementarteilchen[2] und Die Möglichkeit einer Insel nicht ohne Berechtigung trifft – sein letzter Roman, Karte und Gebiet, kam ohne Islambezug aus.  Mit Unterwerfung hingegen legt er ein sehr differenziertes Bild des politischen Islam in westlichen Gesellschaften vor. Es ist wohl der Inszenierung eines Skandals zuzuschreiben, dass dieser Romanveröffentlichung eine solche Aufmerksamkeit abseits des Buchmarkts zu Teil wurde.

Nun sieht sich Houellebecq gerne in der Rolle des leidenschaftslosen Beobachters:
„What I think, fundamentally, is that you can’t do anything about major societal changes. It may be regrettable that the family unit is disappearing. You could argue that it increases human suffering.  But regrettable or not, there’s nothing we can do. That’s the difference between me and a reactionary. I don’t have any interest in turning back the clock because I don’t believe it can be done. You can only observe and describe“[3],

doch so ganz mag man ihm die Rolle auch nicht abkaufen. Allen Hauptfiguren in den Romanen Houellebecqs (und auch hier bildet Karte und Gebiet eine Ausnahme) ist eine ausgeprägte sexuelle Frustration eigen, die in Misogynie und die Trauer um den Verlust des Patriarchats umschlägt – Houellebecq verleiht den Verlierern der sexuellen Revolution eine Stimme.

Impotenz und Unterwerfung

Eine Sehnsucht nach traditionellen Familienwerten und Geschlechterformen bleibt in Unterwerfung allerdings nicht dem Protagonisten François alleine vorbehalten. Auch die beiden politischen Gruppierungen in dem Roman – die Front National von Marine LePen mitsamt ihrem militanten Arm, der Bloc identitaire, und analog die Partei Muslimische Brüderlichkeit von Mohammed Ben Abbes inklusive einer islamischen Terrorismusorganisation – haben sich im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2020 dieses reaktionäre Geschlechterbild auf die Fahnen geschrieben. Was Houellebecq in seinem Roman beschreibt, ist vor allem die Impotenz – um in seinem Duktus zu bleiben – der gemäßigten Kräfte, also den Sozialisten und der konservativen UMP, im politischen Wettstreit mit diesen Parteien. Sie vermögen es nicht, die Errungenschaften der offenen Gesellschaft zu verteidigen.

Unterwerfung als Dystopie zu lesen macht große Freude. Die fiktiven Wahlkampfauftritte von Marine LePen, das Ringen der etablierten Parteien über eine Wahlempfehlung für die Stichwahl und vor allem die Auswirkungen der Wahl auf den Mikrokosmos Universität wirken so plausibel, dass es einen schaudern lässt. Leicht trösten sie hinweg über die etwas schematische Verwendung von Wetterphänomenen (aufziehender Wind etc.) um der Handlung Nachdruck zu verleihen oder der – für Uninformierte – etwas langatmigen Beschreibung des Werks Huysmans, dem Forschungsgegenstand der Hauptfigur Francois.

Vor allem ist da aber dieser Satz: „Für mich gibt es kein Israel“. Francois verabschiedet damit seine Geliebte Myriam, eine französische Jüdin, die sich mit ihren Eltern nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen entscheidet Frankreich gen Israel zu verlassen – die Stichwahl abzuwarten wäre sinnlos. Für ihn, so die zu Grunde liegende Aussage, existiert kein Zufluchtsort.  In Plattform – das Buch erschien im August 2001 – schrieb Houellebecq von den Taliban, und die meisten LeserInnen wussten wohl erst ein Monat später, welche Gruppierung er da meinte. 2015 scheint Houellebecq nun mit der Geschichte Miryams und ihrer Auswanderung nach Israel vorwegzunehmen, was viele Jüdinnen und Juden in Europa umtreibt und durch die Worte Benjamin Netanjahus nach den Anschlägen in Kopenhagen auf den Punkt gebracht wurde: Die Schutzfunktion des Staates Israel ist aktueller und notwendiger denn je. Und wenn es an anderer Stelle heißt „Es gibt ein paar Unstimmigkeiten in der Außenpolitik, sie [die Partei Muslimische Brüderlichkeit] wünschen sich von Frankreich eine deutlichere Verurteilung Israels, aber da werden sie sich schon mit den Linken einigen“ wird bei Houellebecq ein Bewusstsein deutlich, die man in seinen vorhergehenden Romanen vergebens sucht.

Sollten Sie 2015 nur einen Roman lesen, dann lesen sie Unterwerfung von Michel Houellebecq. Sollten Sie nach der Lektüre ein verstärktes Interesse an den Werken Huysmans verspüren, dann – so wurde mir zumindest versichert – lesen Sie es nur bei Einschlafschwierigkeiten; und sollten Sie Interesse am größeren Rahmen der Handlung, den Bezügen der französischen Gegenwart und den vielen kleinen Anspielungen haben, die man als jemand der nicht in Frankreich lebt nicht versteht, dann lesen Sie unbedingt die Artikel von Jürg Altwegg zum neuesten Werk Michel Houellebecqs.

Michel Houellebecq: Unterwerfung
DuMont 2015
22,99€


 [1]Wenn ich daran denke, was dieses Land alles erfunden hat…‘ rief er und zeigt mit weit ausholender Geste auf das Niltal. ‚Die Architektur, die Astronomie, die Mathematik, die Landwirtschaft, die Medizin…‘ Er übertrieb etwas, aber er war eben ein Orientale und wollte mich rasch überzeugen. ‚Und seit dem Aufkommen des Islam nichts mehr: Das absolute geistige Nichts, die totale Leere. Wir sind zu einem Land von verlausten Bettlern geworden. Bettler voller Läuse, das sind wir inzwischen. Lumpenpack, Lumpenpack! …‘. und weiter: ‚Nein, Monsieur. Der Islam konnte nur im Stumpfsinn einer Wüste entstehen, inmitten dreckiger Beduinen, die nichts anderes zu tun hatten – entschuldigen Sie den Ausdruck – , als ihre Kamele zu ficken. […]. Ein nicht weiter benannter Ägypter über Ägypten. In Plattform, S. 334 f.

[2] Ich weiß, dass die Tatsachen mich zu widerlegen scheinen. – Ich weiß auch, dass der Islam – der alle anderen Religionen an Dummheit, Falschheit und Obskurantismus bei weitem übertrifft – heutzutage offensichtlich an Boden gewinnt; aber das ist nur ein vorübergehendes, oberflächliches Phänomen: Auf lange Sicht gesehen ist der Islam zum Scheitern verurteilt, und zwar mit noch größerer Sicherheit als das Christentum.  Der Leiter eines naturwissenschaftlichen Forschungsinstituts . In Elementarteilchen, S. 305.

[3] Susannah Hunnewell: Michel Houellebecq. The Art of Fiction No. 206. http://www.theparisreview.org/interviews/6040/the-art-of-fiction-no-206-michelhouellebecq . (aufgerufen am 13.3.2015).

 

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