CfP (No. 5)

Zur Aktualisierung der Frage Was heißt: Antideutsch?[1]

Antideutsches Denken, sofern dieser Denkstil sich überhaupt fassen lässt, einst mit dem richtigen Anspruch angetreten, mit israelbezogenem Antisemitismus, regressiver Kapitalismuskritik und ahistorischem Marxverständnis von Traditions- und Bewegungslinken zu brechen, war mit einer Kampfansage an Deutsche Ideologie verbunden. Es scheint heute jedoch nur noch zu einer blanken Verteidigung der Wertakkumulation fähig zu sein. Die Rede von der ‚Aufklärung‘, den ‚westlichen Werten‘ und der ‚Zivilisation‘, die man doch gegen allerlei postmoderne Zivilisationsmüdigkeit hoch zu halten gewillt ist, erweckt den Eindruck bloßen Jargons und muss das Existenzialurteil kritischer Theorie, nämlich, dass man es mit einer falsch eingerichteten Gesellschaft zu tun hat, zusehends stärker ausblenden.

Bekanntlich fiel schon Hegel mit der Affirmation bürgerlicher Gesellschaft hinter seinen eigenen philosophischen Standpunkt der Negation zurück. Mit Kritischer Theorie, als deren Gralshüter sich weite Teile der zeitgenössischen Antideutschen verstehen und in deren Bund man sich gegen die postmoderne Regression auszugeben meint, hat dies indes nicht mehr viel zu tun; eher bildete die rechtshegelianische Rede des Positivisten Francis Fukuyama und das Telos vom Ende der Geschichte den Rahmen, in dem sich die antideutschen Neuliberalen so wohlig eingerichtet haben.

Auch das von den Antideutschen aus der Geschichte katapultierte singuläre Menschheitsverbrechen Auschwitz, ist nicht gegen Wert nicht gegen Zivilisation und schon gar nicht gegen Geschichte, sondern nur durch diese zu betrachten. Das hat mit Geschichtsrelativismus indes nichts zu tun: Eine kritische Theorie der Gesellschaft hat Besonderes, hier die Deutsche Ideologie und die Singularität der Shoah, dort das Allgemeine der kapitalistisch-fetischistischen Vergesellschaftung zu vermitteln. Eine Erkenntnis, von der man sich längst verabschiedet hat, für die einer der zentralen Stichwortgeber antideutschen Denkens – Moishe Postone – jedoch stand. Adornos kategorischer Imperativ beinhaltet mitnichten die Negation des Marxschen, ist jedoch längst zur antidialektischen Rechtfertigung der „offenen Gesellschaft“ (Karl Popper) verkommen.

Zwar frönt man einer ‚gesellschaftskritischen‘ Position, will jedoch nicht kommunistisch, sondern „ideologiekritisch und sonst nichts“[2] sein, womit die Position der menschlichen Gesellschaft verlassen und die zehnte Feuerbachthese ignoriert wurde. Stattdessen nimmt man die Spiegelfechterei um Links- und Rechtsantideutsche als Identitätsangebot dankend auf und ist längst so deutsch, dass man sich zur Apologie der AfD und der Nation hinreißen lässt. Das Kapitalverhältnis kann man vor lauter Koran-Exegese nicht mehr erkennen, sondern lässt sich lieber von den Verhältnissen traditionslinker Provenienz dumm machen. Dementsprechend werden allzu aufgeregt der zeitgenössische Gender- und Queerfeminismus mit richtigen wie zweifelhaften Argumenten attackiert, aber die Diskussion und Vermittlung zu einem materialistischen Feminismus vernachlässigt.

Auf der Ausdrucksseite schließlich wird entgegen dem Postulat negativer Dialektik selbst der dümmste Konsum – etwa der zur Reconquista hochgejazzte Besuch des Weihnachtsmarkts[3] aber auch allerlei Wimpel und Mützchen[4] – als identitäres Angebot der im Spätkapitalismus zur völligen Austauschbarkeit verkommenen Pseudoindividualität gepriesen. Dagegen weiß Ideologiekritik im Sinne negativer Dialektik, dass die „Freiheit von Achselschweiß und Emotionen“ selbst nur „den wirtschaftlichen Zwang zurückstrahlt“ [5]. Das notwendig falsche Bewusstsein ist schließlich erst dann überwunden, wenn „keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten“ würde.[6] Der Grundsatz der Ideologiekritik heißt aus diesem Grunde: kommunistisch und sonst nichts. In Anlehnung an den programmatischen Text Stephan Grigats von 2007 fragt das Distanz-Magazin deshalb: Was heißt „antideutsch“ heute?

Artikel zu diesem Themengebiet, jedoch nicht ausschließlich zu diesem Themengebiet sind für die kommende Ausgabe des Distanz Magazins bis zum 31. Dezember 2019 erbeten. Für Rückfragen und Zusendungen können Sie sich gerne an redaktion(at)distanz-magazin.de wenden.

 

Distanz Redaktion

 

 


[1] Grigat, Stephan: Was heißt: Antideutsch? In: https://www.cafecritique.priv.at/antideutsch.html 

[2] Redaktion Bahamas, Ideologiekritsch und sonst nichts. In: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web57-2.html

[3] Maul, Thomas: https://www.thomasmaul.de/2018/12/anlasslich-des-straburger-terrorakts.html

[4] Grigat, Stephan: Mit Wimpel und Mützchen. In: https://jungle.world/artikel/2008/32/mit-wimpel-und-muetzchen

[5] Adorno, Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, 1969, 176.

[6] Adorno, Negative Dialektik, 1966, S. 148.

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