CALL FOR PAPERS #6 Distanz

CALL FOR PAPERS

AUSGABE 6: Distanz

Unsere gegenwärtige Situation dient uns zum Anlass, unseren Magazin-Titel Distanz als ein zentrales Moment gesellschaftlicher Verhältnisse auszuweisen. Hierbei stellt sich die Frage nach deren Bedeutung für die Krise der Gesellschaft, wie sie gerade jetzt überdeutlich zutage tritt. In der Krise wird Distanz in doppelter Hinsicht zum Problem: Einerseits verursacht sie Angst, aufgrund von Entfremdung den sozialen Zusammenhang zu verlieren und andererseits wegen zwanghafter Verbundenheit nicht von diesem loszukommen. Beides offenbart die Bedrohtheit der menschlichen Existenz, die stets verdrängt werden muss. In der Krise äußert sich diese Verdrängung sowohl als Sehnsucht nach unmittelbarer Überwindung der Distanz sowie nach fortgesetzter Distanzierung und kettet damit die Einzelnen in ihrer Bewusstlosigkeit noch stärker an die Unerbittlichkeit des falschen Ganzen.

Nimmt man den Begriff der Distanz als Ausgangspunkt für die Verständigung über die Kritik bestehender Verhältnisse, kommt er dabei in unterschiedlicher Weise zur Geltung. Hier steht das Distanzmotiv auf der einen Seite für die Einsicht, dass kritische Erkenntnis des Gegenstands nur dort möglich wird, wo sie sich ihm gegenüber nicht äußerlich verhält. Auf der anderen Seite ist Distanz zum kritisierten Objekt eine zentrale Voraussetzung von Erkenntnis. Bezogen auf die Kritik von Gesellschaft erhellt das Nachdenken über Distanz daher die Schwierigkeit, dass die Kritikerin ihrem Gegenstand zwar selbst angehört, also keinen äußeren Standpunkt außerhalb für sich beanspruchen kann, um der Kritik willen jedoch die Distanzierung notwendig wird. Die Notwendigkeit und Schwierigkeit mittels des Distanzbegriffs daran zu erinnern, dass der Kritiker zutiefst in seinen Gegenstand verstrickt ist, zeigt, dass die Gesellschaft den Menschen als eine von ihm Getrennte gegenübertritt und das Resultat ihrer bewusstlosen Handlungen eine ihnen gegenüber verselbstständigt-dinghafte Gestalt ausbildet. Dass der hierin angelegte Skandal ihrer Vergesellschaftung kaum noch zum Widerspruch reizt, ist ein Hinweis darauf, wie sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse in die Menschen eingesickert sind und der darin zu erkennende Distanzmangel Zeugnis über die Beschädigung der Menschen ablegt. Diese lässt sich gerade in der vermeintlichen Selbstsicherheit erkennen, mit welcher sich die Menschen in der von ihnen hypostasierten Welt ‚frei‘ bewegen.

Da auch die Kritik selbst vor einem solchen Distanzmangel nicht gefeit ist, nötigt ihre Besinnung auf den Distanzbegriff folglich zur Reflexion aller abstrakten und misslungenen Distanzierungsversuche. Verlangt der Versuch des Freikommens von den Verhältnissen eine gewisse Absonderung gegenüber der munteren Geschäftigkeit gesellschaftlicher Praxis, impliziert er zumeist auch eine problematische Distanz zu den zentralen Handlungsräumen der Gesellschaft, die es letztlich in eingreifender Absicht zu überwinden gälte. Ein radikaler Bruch wiederum setzt tendenziell einen Verzicht auf die vorgegebenen Verkehrsformen der Gesellschaft voraus, der sowohl einen zerrissenen Faden bedeuten als auch lediglich ihr pseudoindividuelles Autonomieideal bedienen könnte. Das Nachdenken über diese Schwierigkeiten offenbart demnach die tiefe Ohnmacht des Denkens gegenüber der gesellschaftlichen Totalität und ihrer integrativen Kraft: So setzt sich die Herrschaft der Verhältnisse als unüberbrückbar erscheinender Abgrund zwischen den vereinzelten Einzelnen sowie zugleich als Entfremdung in Form einer erdrückenden gesellschaftlichen Objektivität, in der alle Distanzen gefallen sind, durch. Distanz erweist sich so als tragendes Moment der Reproduktion gesellschaftlicher Totalität.

Auf diese unrühmliche Rolle wäre Distanz jedoch keineswegs zu reduzieren. Als versöhnte Verschiedenheit könnte die Distanz zwischen den Menschen auch ihre Freiheit bedeuten. Die bisher bereits gegebenen Möglichkeiten relativer Distanzierung des Einzelnen gegenüber allen anderen müssen daher auch als Errungenschaft anerkannt werden. Verharrend in der Form des Privilegs bedeutet sie lediglich den schalen Luxus einer Gleichgültigkeit gegenüber der Fortdauer des Unrechts.

Weder im Format noch in der thematischen Ausrichtung sind den Einreichungen Grenzen gesetzt. Erzeugnissen und Reflexionen politischer, kultureller und ästhetischer Praxis sollen in gleichem Maße Raum gegeben werden wie theoretisch-wissenschaftlichen Arbeiten, die der disziplinären Akribie ihr Korsett abzustreifen versuchen.

Wir freuen uns über eine kurze Ideenskizze spätestens bis zum 30.9.2020 an: distanzmagazin@protonmail.com

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