18. Juni 2017

Berichte aus dem Postfaschismus

In unregelmäßigen Abständen sollen auf diesem Blog nun aus der Zeit des Postfaschismus berichtetet werden. Postfaschismus hat dabei zweierlei Bedeutung. Zum einen ist damit die historische Phase vom Kriegsende bis Mitte der 1960er Jahre gemeint, die von GeschichtswissenschaftlerInnen auch immer wieder als erste ‚formative Phase‘ der Bundesrepublik bezeichnet wird. „Postfaschismus“ transportiert aber auch eine bestimmte theoretische Vorstellung über diese Zeit bzw. eine bestimmte Fragestellung: Inwiefern wurden faschistische Ideen und Vorstellungen sowie Akteure und Institutionen während der Nachkriegszeit transformiert und in die Bundesrepublik (re-)integriert? „Postfaschismus“ ist deshalb ein Begriff kritischer Geschichtswissenschaft, insofern er sich gegen die Lesart einer mit dem Nationalsozialismus gebrochenen Neugründung der Bundesrepublik stellt und damit den heute identitätsstiftenden Gründungsmythos der Bundesrepublik desavouiert.

Dass dieser Gründungsmythos in der Gegenwart noch immer virulent ist, zeigt beispielsweise die kaum widersprochene Aussage von der Leyens Anfang Mai 2017: „Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende Einzeltaten im Widerstand. Aber sonst hat die Wehrmacht nichts mit der Bundeswehr gemein.“[1] Diese Behauptung kann angesichts der personellen Kontinuitäten in den Leitungsebenen bei der Gründung der Bundeswehr, den Namen der Kasernen etc. nur als politische Forderung, keinesfalls aber als historische Aussage wahr sein.

Auch die schockierten und aggressiven Reaktionen auf die 2014 veröffentlichte Studie von Leonie Treber zum Mythos Trümmerfrauen zeigen ein tief verankertes Geschichtsbild angeblich anständiger Nachkriegsjahre auf. [2] Die methodisch überzeugende Studie arbeitete u.a. stringent heraus, dass der Anteil der Trümmerfrauen am Wiederaufbau und der Enttrümmerung deutscher Städte in keiner Relation zu ihrer im Geschichtsbild zugeschriebenen Bedeutung stehe. Für diese Enttrümmerung hingegen ist die Relevanz des von den Siegermächten subventionierten Fuhrparks an Räumungs- und Baumaschinen wesentlich höher zu gewichten. Die Studie erhielt breite Resonanz in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen und ablehnende Kritik von der Bevölkerung, die vor allem ihr jeweiliges Familiengedächtnis dagegen stellten.

Enttrümmerung Kölns durch Baumaschinen | 1949 (c) bilderbuch-koeln.de

Enttrümmerung Kölns durch Baumaschinen | 1949 (c) bilderbuch-koeln.de

Allerdings war die „Trümmerfrau“, dies zeigt die Studie ebenfalls, bis in die 1980er außerhalb Westberlins kein Bestandteil der Geschichtskultur in der Bundesrepublik, erhielt jedoch mit ihrer „Entdeckung“ rasche Verbreitung und verankerte sich durch die Ikonografie bald fest im Geschichtsbewusstsein der Deutschen. Dies fällt wohl nicht zufällig mit dem Regierungsantritt Helmut Kohls 1982 zusammen, da die Geschichtspolitik der Christdemokraten in der Ära Kohl bezweckte, die Deutschen mit neuem Patriotismus zu versorgen. Da die Vorgeschichte des Nationalsozialismus jedoch infolge der Aufarbeitungswelle der 1970er Jahre verbraucht war – man denke nur an die „Fischer-Kontroverse“ oder die Sonderwegsthese – konnte der Patriotismus kaum noch an die Traditionslinie des Kaiserreichs anknüpfen. Doch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder erlaubten laut Edgar Wolfrum erstens, das Bild der „Erfolgsnation Deutschland“ glaubhaft zu verbreiten, dieses Bild zweitens mit den Tugenden von Stabilität, Konsens, Ordnung also: biederer Bürgerlichkeit zu verbinden und schließlich die Ära Adenauer in die Amtszeit Kohl zu verlängern. Insofern diente die geschichtspolitisch aufgeladene Vergangenheit als historisches Argument zur Legitimation der von Kohl geforderten geistig-moralischen Wende. Dazu mussten die 1950er-Jahre allerdings mit „Blattgold“ überzogen werden. Dadurch wurde mitunter die „Entkriminalisierung“ der deutschen Geschichte befördert,[3] was sich als bis heute wirkmächtiges Geschichtsbild im Bewusstsein der Deutschen festsetzte

Dieses falsche Bewusstsein zu hinterfragen und die „zweite Schuld“ (Ralph Giordano) dagegenzuhalten, soll Aufgabe des neuen Formats sein. Die kurze Einleitung zeigt bereits, dass die Thematisierung des Postfaschismus nicht allein die Phase der bundesrepublikanischen Gründung – ihre sozialen, wirtschaftlichen und ideengeschichtlichen Faktoren – in den Blick nehmen, sondern auch immer wieder ihr Fortleben in der Geschichtskultur der Berliner Republik sowie ihren Weg dorthin behandeln muss.

 

Teil 1:

In der FDP formiert sich zwischen 1950 und 1953 ein Netzwerk ehemaliger Ranghoher NS- und SS-Funktionäre mit dem Ziel, die Bundesrepublik zu stürzen. Aufgehalten wird sie vom britischen Geheimdienst.

Teil 2:
Der Holocaustüberlende Philipp Auerbach engagierte sich als Landeskommissar in Bayern für die Entschädigung von Opfern des NS-Regimes und kämpfte dafür, die Identitäten untergetauchter NS-Funktionäre aufzudecken. Vielen Politikern war sein Engagement ein Dorn im Auge. Er wurde verhaftet und vor ein aus ehemaligen NSDAP und SS Mitgliedern bestehendes Gericht gestellt, das ihn trotz haltloser und Anschuldigungen zu mehreren Jahren Haft verurteilte. Gepaart war diese Verhandlungen mit einer antisemtischen Kampagne gegen seine Person durch die Presse. Nach dem Urteilsspruch nahm sich Philipp Auerbach eine Überdosis Schlaftabletten, der er am 16. August 1952 erlag.

 

Distanz Magazin

[1] Zitiert nach: http://www.suedkurier.de/nachrichten/politik/Von-der-Leyen-Wehrmacht-nicht-traditionsstiftend-fuer-Bundeswehr;art410924,9239463

[2] Leonie Treber, Mythos Trümmerfrauen. Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes. Essen 2014. Falls tl,dr, dem ist die Rezension von Stephan Scholl nahezulegen: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22991

[3] Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. 1949-1989. Phasen und Kontroversen, in: Petra Bock, ders. (Hg.) Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich. Göttingen 1999, S. 55-82. Hier S. 74.

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