Unterwerfung. Skizze zum autoritären Charakter in islamischen Gesellschaften

Die Theorie des sadomasochistischen bzw. des autoritären Charakters der frühen Kritischen Theorie wurde seit ihrem Entstehen immer wieder erweitert und aktualisiert. Allerdings beschränken diese Erweiterungen sich zum Großteil auf die bürgerliche Moderne des sogenannten Westens und deren Entwicklung. Genau an dieser Stelle soll dieser Text das bisher geleistete transferieren: In diesem Text soll die spezifische Sozialisation eines Jungen[1] in islamisch geprägten Ländern und Familien nachvollziehen und untersuchen, ob dies zu einem bestimmten Sozialcharakter[2] führt. Ziel ist es darüber hinaus eine theoretische Debatte anzustoßen, um die Theorieentwicklung voranzutreiben, ohne dabei Anspruch auf eine vollständige Analyse zu erheben.

Geschlechterrollen und Autorität

In der islamisch-patriarchalen Gesellschaft erhalten Frauen ihre relative Macht über den oikos nur durch eine tatsächliche Gebährfähigkeit; ihre Stellung innerhalb der Familie hängt also maßgeblich davon ab, ob sie realiter Mutter sind; sprich, dass sie die Potenz des Mannes beweisen. (vgl. Charlier 2017a: 46) Durch die für islamische Familien typische enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn, fließen in die Erziehung des Jungen sowohl kompensatorische Bestrebungen der Mutter, wie z.B. durch den Sohn an der Macht des Patriarchats teilhaben zu können, als auch unbewusste Aggressionen und Hassgefühle, die aus der Ausgeschlossenheit der Frau aus der Männerwelt resultieren, ein, sodass der Junge widersprüchlichen Verhaltensweisen und Gefühlen von Seiten der Mutter ausgesetzt ist. (vgl. ebd.) Gleichzeitig erfährt der Junge sehr früh die Wertvorstellungen und die Rollenverteilung zwischen der entwerteten Mutter und dem mächtigen Vater, welches nicht zuletzt durch die Verschleierung als Zeichen der Sittlichkeit der Frau offenbar wird..

Der Vater bleibt bis zum siebten Lebensjahr des Jungen zwar aus dem konkreten Erziehungsprozess ausgeschlossen, trotzdem wird er gerade durch seine Verbindung von Abwesenheit und Macht als ehrwürdiges und furchteinflößendes Objekt vom Jungen erlebt. (vgl. ebd. 48) Für den Jungen ist der Vater nun real das Objekt, das ihn aus der engen Mutter-Sohn-Beziehung, und damit aus der Minderwertigkeit der Frauenwelt, retten kann. Die Unnahbarkeit des Vaters und seine konkrete Stellung im Erziehungsprozess sorgen dafür, dass dieser sich nicht als verbietendes Objekt im Sinne einer klassischen ödipalen Auseinandersetzung angesehen wird, denn der Vater wird nicht als zwischen dem Jugend und der Mutter stehend erlebt, sondern als außenstehend wahrgenommen. (vgl. ebd.)

Identifikation und Unterwerfung

Dies hat zur Folge, dass „die Notwendigkeit einer Internalisierung väterlicher Ge- und Verbote und damit die Bildung eines internalisierten Über-Ichs mit dem Inzesttabu als Zentrum des ödipalen Konflikts nicht in dem Maße gegeben ist, wie dies in der Freud´schen Formulierung des Über-Ichs als Erbe des Ödipuskomplexes expliziert ist.“ (ebd.) Stattdessen bleibt das frühere, idealisierte Vaterimago intakt und es kommt zu einer Unterwerfung unter den und einer gleichgeschlechtlichen Bindung an den Vater, welche Teilhabe an der Macht und der Dominanz der Männerwelt ohne Infragestellung der väterlichen Macht verspricht. (vgl. ebd.)

An dieser Stelle wird die ödipale Situation also nicht in der Art gelöst, dass der Junge durch den imaginären Vatermord Autonomie erlangt, sondern er bleibt abhängig vom Vater. (vgl. Charlier 2017c: 82) Allerdings wird die Rettung aus der Mutterwelt rituell erkauft: Die Kastrationsangst des Jungen wird durch die Beschneidung, welche in der Regel im Alter zwischen zwei und sieben Jahren geschieht, bestätigt (vgl. Wilting 2007: 156) Der Junge erlebt diese bewusst, sodass sich die Beschneidung als ein permanentes Zeichen der Macht des Vaters in die psychische Struktur des Jungen einbrennt; zugleich ist die Beschneidung eine symbolische, präventive Schutzmaßnahme des islamischen Patriarchats gegen Inzest und Vatermord. (vgl. Maciejewski 2003: 540)

Durch das Ausbleiben des Freud`schen Ödipuskomplexes bleiben die inzestuösen Wünsche gegenüber der Mutter ständig präsent. Diese werden durch Projektion auf andere Mitglieder der islamischen Gesellschaft unter Kontrolle gebracht; dies erklärt wieso zum Beispiel in der islamischen Welt alle sich als Brüder und Schwestern bezeichnen. Es handelt sich also um eine weitere Vergesellschaftung des Inzesttabus. (vgl. Charlier 2017a: 49)

Das archaische Bild des Vaters wird in der weiteren Entwicklung nicht korrigiert, denn für den Vater liegt der erfolgreiche Weg des Knaben in die Männerwelt im Gehorsam und in der Unterwerfung unter die religiösen Autoritäten respektive unter Gott, sodass für den Knaben die Unterwerfung Basis für die physische und psychische Existenz bleibt. (vgl. Charlier 2017b: 74) In der islamischen Sagenwelt endet der Konflikt mit dem Vater nicht etwa in der (symbolischen) Tötung des Vaters, sondern wie in der Rostam-Sage im Gegenteil: In der Tötung des Sohnes durch den Vater (vgl. Charlier 2017c: 98)

Gehad Mazaweh schreibt daher zum Verhältnis des Sohnes zum Vater in der arabischen Welt folgendes:

„Der Hass auf den Vater und die Todes- und Mordwünsche werden aus Angst- und Schuldgefühlen verdrängt. Die Ängste der Knaben (…) werden bestätigt durch die Gewalttätigkeit der Väter, die Angst bleibt nicht nur in der Fantasie, sondern sie ist eine Realität (…). Die Furcht vor dem Vater zwingt die Söhne ihre Hassgefühle zu verdrängen, den Hass nicht bewusst werden zu lassen. Kaum ein arabischer Sohn würde mit dem bewussten Hass auf den Vater leben können.“ (Mazaweh 2005: 82)

Mazaweh geht an anderer Stelle soweit zu sagen, dass der Sohn an Schuldgefühlen umkommen würde, gewänne er den ödipalen Kampf mit dem Vater. (vgl. Mazaweh 2011). Diese Beobachtungen werden von Charlier geteilt. Allerdings handelt es sich an dieser Stelle nicht (oder nicht nur?) um eine Verdrängung, sondern auch um eine volle Identifizierung mit dem Angreifer. Der Sohn identifiziert sich demnach mit den Wunschvorstellungen, die der Vater von ihm hat, welches mit einer Unterwerfung unter die Bedürfnisse des Vaters identisch ist. Diese Identifizierung mit dem Wunschbild des Vaters ist der Grund dafür, dass der Vater im weiteren Prozess der Entwicklung nicht desillusioniert wird (vgl. Charlier 2017b: 74). Realiter wird das Hinterfragen der väterlichen Autorität respektive das aktive Vorgehen gegen diese – also der symbolische Vatermord – mit dem Ausschluss aus der Männerwelt und damit mit Verbannung in die Mutterwelt bestraft. (vgl. Charlier 2017c: 98)

Diese Unterschiede in der Lösung der ödipalen Situation – im Vergleich zur okzidentalischen – bewirken Unterschiede in der gesellschaftlichen Struktur, während die Unterschiede selbst auch wieder Ausdruck der unterschiedlichen, gesellschaftlichen Struktur sind. So entstehen die Schuldgefühle des Jungen nicht aus dem symbolischen Vatermord, sondern aus den Gedanken an den Vatermord, sodass das Kind eine spezielle Form der Emotionalität in Form einer libidinösen-inzestuösen Bindung an die Mutter entwickelt. Diese Emotionalität ist geprägt von Empathie, Beschützer‚instinkten‘ und Verantwortungsgefühl.

„Hass und Aggressivität haben hier ihre Quelle in der frühen Mutter-Sohn-Beziehung und werden nicht durch die ödipale Triangulierung überformt. Sie sind gegenüber dem Vater tabuisiert und müssen in den außenfamiliären Bereich projiziert werden.“ (Charlier 2017c: 99)

Aus diesem Gründen bietet die daraus geprägte psychische Struktur des Jungen mehr Raum für empathische Objektbeziehungen als für rational gesteuertes Verhalten. Die Unhinterfragbarkeit der Autorität des Vaters spiegelt sich auf der ideologischen Seite in der Unhinterfragbarkeit Gottes; so sind im Islam weder Kritik an Gott und Mohammad, noch ambivalente Gefühle gegenüber eben diesen erlaubt. (vgl. Charlier 2017b: 71) Wer nicht nach den Gesetzen der Religion lebt, d.h. sich nicht der Autorität Gottes bzw. religiöser Führer unterwirft, wird als Kufr, also als Ungläubiger, gebrandmarkt. Der Kufr leistet Widerstand gegen die Autorität, er zeigt also adoleszentes Verhalten, welches unter Strafe gestellt ist und als verachtenswert angesehen wird. Parallel zur Kritik innerhalb der Familie am Vater, wird dieses Verhalten schwer bestraft: Mit dem Verstoßen aus der Umma, welche in der extremen Form die Todesstrafe ist.

Die Intensität der, durch volle Identifizierung mit dem Vater, unbewussten, aggressiven Affekte, sowie das Ausmaß des Verlangens nach Liebe und Anerkennung können dazu führen, dass der Knabe später dazu bereit ist, für den Vater, die religiösen Autoritäten, bzw. für die Gewinnung seiner/ihrer Liebe zu opfern. Dieses findet seinen stärksten Ausdruck im Opfermythos des Märtyrertums als Beweis von Männlichkeit, religiöser Treue und Unterwerfung, was bis hin zur sadomasochistischen Selbst- und Objektvernichtung, also zum Selbstmordattentat, als Zeichen von Liebe und Stolz führen kann. (vgl. ebd.: 75) Im Märtyrerkult verliert die Signalangst ihre Funktion als Warnung vor den mit Gewalt und Destruktivität verknüpften Gefühlen.

Dies zeigt sich in Interviews, die Nasra Hassan in den 1990er Jahren mit zukünftigen Selbstmordattentätern bzw. mit Selbstmordattentätern führte, deren Anschläge scheiterten. Dort heißt es z.B.

The boy has left that stage far behind,“ he said. The fear is not for his own safety or for his impending death. It does not come from lack of confidence in his ability to press the trigger. It is awe, produced by the situation. He has never done this before and, inshallah, will never do it again! It comes from his fervent desire for success, which will propel him into the presence of Allah. It is anxiety over the possibility of something going wrong and denying him his heart’s wish. The outcome, remember, lies in Allah’s hands.” (Hassan 2000)

Diese Angstfreiheit in der konkreten Attentatssituation belegen auch andere Zeugnisse von islamistischen Terroristen, wie die von Mohammad Atta. (vgl. Stein 2005: 111) Wir sehen also, dass in den Extremfällen alle Ängste sich in eine Furcht verwandeln, die sich auf ein überhöhtes Objekt bezieht: in Gottesfurcht. So schreibt Mohammad Atta: „Furcht ist eine großartige Form der Anbetung, die einzige, die Gottes würdig ist. Er ist der Einzige, dem sie zusteht“. (Atta, zit. n. Stein 2005: 111) Diese Transformation von Ängsten in Gottesfurcht findet ihren Eingang in die islamistische Ideologie, in der keine Furcht an weltlich-triviale Dinge vergeudet werden soll. Durch Furcht und Terror, die die Terroristen notwendig verbreiten wollen, wollen sie die Kufr herabsetzen und selbst von diesen angebetet werden. Die Gefühle von Hilflosigkeit und Verwirrung haben sie durch ihre neue Identität zum Verschwinden gebracht. (vgl. ebd: 112) Dies denkt sich mit den Beobachtungen Sigmund Freuds, dass unter dem Schutz des geliebten und gefürchteten Gotts jegliche Gewissensangst verschwindet. (vgl. Freud 1921) Durch die Unterwerfung unter einen gefürchteten und geliebten Gott fühlen sich die Terroristen von allen moralischen Schranken befreit, andere zu töten und bei denen, die sie nicht töten, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Liebe zu Gott und der Liebe zum Märtyrertum befindet sich auf einer vertikalen Achse, an deren Ausdruck Selbstwert oder Unwert, Überlegenheit oder Unterlegenheit, Erniedrigung, Mitleid, Ehrfurcht und Verehrung beteiligt sind; es ist also prä-ambivalente Liebe. (vgl. Abraham 1924) In einem der von Hassan geführten Interviews heißt es demgemäß:

“Love of martyrdom is something deep inside the heart. But these rewards are not in themselves the goal of the martyr. The only aim is to win Allah’s satisfaction. That can be done in the simplest and speediest manner by dying in the cause of Allah.“ (zit. n. Hassan 2000)

Durch die Unterwerfung unter Gott, hat dieser die Führung über die Psyche übernommen: Der Terrorist ist nun der festen Überzeugung, dass es Gott gefällt, wenn er seine Freunde vernichtet. Gott wird nicht trotz der Erlaubnis zum Töten geliebt, sondern gerade weil er es erlaubt Kufr, und damit das Schlechte im eigenen Seelenapparat, zu töten. Die Ekstase des Töten selbst und die Erwartung des baldigen Einsatz als Gotteskrieger, bereiten enormen sadomasochistischen Lustgewinn. (vgl. Stein 2005: 118):

„I asked S. to describe his preparations for the suicide mission. “We were in a constant state of worship,” he said. “We told each other that if the Israelis only knew how joyful we were they would whip us to death! Those were the happiest days of my life.”“ (Hassan 2000).

Durch das Töten des beunruhigenden Teil des eigenen Selbst, das vorher nach außen projiziert wurde, versucht der Terrorist ebendiesen ein für alle Mal zu besiegen und damit die Unlust auf ewig zu vermeiden. (vgl. Stein 2005: 119).

Göttliche Autorität im Islam

Die psychoanalytische Interpretation der der Erziehung von Jungen in islamisch geprägten Ländern und Familien verdeutlicht, dass es explizite Übereinstimmungen mit den von der frühen Kritischen Theorie postulierten autoritären bzw. sadomasochistischen Charakter gibt, die im Folgenden begründet werden soll. Wir sehen, dass der Charakter sich an die gesellschaftlichen respektive familiären Bedingungen angepasst hat, was besonders in den Extremfällen der Selbstmordattentäter dazu führt, dass diese sowohl am Leid anderer als auch am eigenem Leiden Lustgewinn erfahren. In dieser Situation kann das eigene Ich sich an die religiöse Autorität hingeben und gleichzeitig kann es andere zum Leiden zwingen.

Fromm beobachtete ferner, dass die Liebe zur Autorität aus der Furcht vor ebendieser entsteht, welche sich im Laufe der Zeit zu Ehrfurcht, Bewunderung und Liebe entwickelt. (vgl. Fromm 1936: 172) Der gleichzeitig unbewusst empfundene Hass auf die Autorität wird, wie bereits gezeigt, nicht gegen die eigene Autorität gerichtet, sondern gegen die Autoritäten anderer; insbesondere gegen die Götter anderer. (Freud 1921: 107) So ist in der islamischen Sozialisation die Trennung in Gläubige/Erlaubt und Ungläubige/Verboten nicht, wie im Vergleich zur westlichen Gesellschaft, verdinglicht worden, sondern hat nach wie vor noch in der religiösen Form bestand. (vgl. Adorno 1951: 332) Je stärker die eigene Ambivalenz gegenüber der eigenen Autorität, desto mehr Hass gegen eine andere Autorität liegt vor. (vgl. Fromm 1936: 173).  Der Mangel an Potenz sich gegen die eigene Autorität aufzurichten ist das negative Charakteristikum des autoritären Charakters. (vgl. ebd.) Da dieser Mangel sowohl auf das Denken, als auch auf das Handeln sich bezieht, wird damit die konkrete Gesellschaftsordnung aufrechterhalten.

„Die relative Undurchschaubarkeit des gesellschaftlichen und damit des individuellen Lebens schafft eine schier hoffnungslose Abhängigkeit, an die sich das Individuum anpaßt [sic!], indem es eine sado-masochistische Charakterstruktur entwickelt.“ (Fromm 1936: 174)

Aus diesem Grunde wird jederlei Kritik oder Selbsterkenntnis als narzisstische Kränkung wahrgenommen, die direkt Wut hervorbringt; (vgl. Adorno 1951: 333) was z.B. die wütenden Reaktionen auf jede Mohammed-Karikatur eindrucksvoll beweisen.

Der islamisch-sadomasochistische Charakter erlebt sein Verhältnis zur Welt als Schicksal, sodass das eigene real erfahrene Leid, sowie die angebliche Befreiung davon als Wille Gottes auftreten. So sehen sich Selbstmordattentäter als Verlängerung des göttlichen Willens und nicht etwa als eigenständige Subjekte. Für sie untersteht das menschliche Leben einzig und allein Gott; wer das anzweifelt, verübt ein Verbrechen. Im Masochismus liegt also der Teil der Charakterstruktur, der sich der Autorität unterwirft und die Unterwerfung gleichsam genießt; Im Sadismus liegt der offensive Teil der Charakterstruktur. Das Ausleben von Gewalt, Djihad und Selbstmordattentat ist nur deshalb möglich, weil die Autorität dies gestattet hat und weil die jeweilige Person der Überzeugung ist, im Namen der Autorität zu handeln. Realiter muss die Autorität Macht über die menschliche Gefühlswelt besitzen, d.h. sie muss in der Lage sein dem Subjekt sowohl Schutz und Sicherheit versprechen sowie,  Angst hervorrufen zu können.

Genau diese Macht wird durch die Strafen bzw. dessen Androhung erzeugt, denn durch die Beschneidung sind die Strafe und der Schmerz keine bloße Fantasie, sondern durchlebte Realität. Zusätzlich ist der strafende Gott ein permanentes Damokles-Schwert, dessen Strafe nach dem Leben einsetzt. Die göttliche Autorität hat für den islamisch-sadomasochistischen Charakter noch eine weitere Funktion: die der Moral. Durch das Ausbleiben des Ödipuskomplex und der damit mangelhaften Bildung des Über-Ichs, muss die Autorität als eine Moralische existieren. D.h. die Autorität muss den Anschein erwecken, dass sie nichts für sich selbst will und alles, was sie von den Unterworfenen fordert, selbst erfüllt. (vgl. ebd.: 183) Genau diese Funktion erfüllt Gott, erfüllen Mohammed und die religiösen Führer der islamischen Theologie. Da sie religiöse Führer sind undda das Über-Ich beim islamisch-sadomasochistischen Charakter kaum ausgeprägt ist, ist eben dieser Charakter anfällig für autoritäre Einstellungen, da bei diesen das eigene Über-Ich durch die Identifizierung mit dem Führer durch das Über-Ich des Führers respektive der Masse ersetzt wird, was von Djihadisten propagandistisch genutzt werden kann und wird.

Es bleibt also festzustellen, dass der islamisch-autoritäre Charakter genau wie der von der Kritischen Theorie herausgestellte autoritäre Charakter, dazu fähig ist, in neue Barbarei zuführen, zwischen ihnen aber dennoch eine Nichtidentität besteht. So können also westlicher und islamischer Autoritarismus nicht identisch gesetzt werden, denn diese würde die Spezifika der Entstehung, die besonders in der Sozialisation des Knaben und deren möglichen Endpunkt im Selbstmordattentat zum Vorschein kommen, des islamisch-autoritären Charakters leugnen, und so dessen Überwindung verhindern.

von Lucas Koch

Literatur:

Abraham, Karl (1924): Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen, in: Gesammelte Schriften, Bd. 2. Fischer-Verlag, Frankfurt a.M., S. 32-102

Adorno, Theodor W. (1951): Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, in: Dahmer, Helmut (2013): Analytische Sozialpsychologie, Psychosozial-Verlag, Gießen

Charlier, Mahrokh (2017a): Geschlechtsspezifische Entwicklung in patriachalisch-islamischen Gesellschaften und deren Auswirkungen auf den Migrationsprozess, in: ders.: Ost-westliche Grenzgänge, Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 43-64

Charlier, Mahrokh (2017b): Macht und Ohnmacht – Religiöse Traditionen und die Sozialisation des muslimischen Mannes, in: ders.: Ost-westliche Grenzgänge, Psychosozial-Verlag, Gießen. S. 65-78

Charlier, Mahrokh (2017c): Eine orientalisierte Version des Ödipuskomplexes, in: ders.: Ost-westliche Grenzgänge, Psychosozial-Verlag, Gießen, S.79-101

Freud, Sigmund (1921): Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: GW XIII, S.71-161

Fromm, Erich (1936): Studien über Autorität und Familie. Sozialpsychologischer Teil, in: ders. (1989): Gesamtausgabe, Bd. 1, dtv, München, S. 141-206

Fromm, Erich (1941): Die Furcht vor der Freiheit, in: ders. (1989): Gesamtausgabe, Bd. 1, dtv, München, S. 217-394

Hassan, Nasra (2000): An Arsenal Of Believers – Talking to the „human bombs“, unter https://www.newyorker.com/magazine/2001/11/19/an-arsenal-of-believers (abgerufen am 01.04.18 um 12.22 Uhr)

Maciejewski, F. (2003): Der kleine Hans: Über das vergessene Trauma der Beschneidung, in: Psyche – Z Psychoanal, 57, 523-550

Mazaweh, Gehad (2005): Sterben und Lebenwollen, in: Zeitschrift für gruppenanalytische Psychotherapie, Beratung und Supervision, 15(1), 67-91

Mazaweh, Gehad (2011): Voller Hass auf das sadistische Über-Ich, unter http://www.taz.de/!336204/ (abgerufen am 22.03.18 um 12.16 Uhr)

Stein, Ruth (2005): Das Böse als Liebe und Befreiung: Zur psychischen Verfassung religiös motivierter Selbstmordattentäter, in: Psyche Z Psychoanal, 59, S.97-126

Wilting, Natascha (2007): Die Lust an der Unlust oder warum der Islam so attraktiv ist, in: Göllner, Renate, Radonic, Ljiljana: Mit Freud – Gesellschaftskritik und Psychoanalyse (2007), ca-ira, Freiburg, S. 143-168


[1] Selbstredend gibt es Unterschiede in der männlichen und weiblichen Erziehung, die allerdings erst an anderer Stelle ausformuliert werden können.

[2] Der Gesellschaftscharakter beschreibt die Charaktereigenschaften, die die meisten Subjekte einer Gesellschaft gemeinsam haben, als Resultat der gemeinsamen Erfahrungen und Lebensweisen. Zu unterscheiden ist davon der Individualcharakter, der den kompletten Charakter eines Menschen beschreibt. Dies bedeutet, dass einzele Personen sich trotz identischen Gesellschaftscharakters unterscheiden (Fromm 1941: 379).

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