Anwalt & selbsternannter Klassensprecher: Christian Barons „Proleten, Pöbel, Parasiten“

Beim neuerlichen Besuch eines Gastwissenschaftlers aus Großbritannien kam das Gespräch – vermittelt über den Brexit – auf die Mitgliedschaft meines Kollegen in der Green Party. Der Gefahr bewusst, dass dieses Gespräch kippen könnte, lenkte ich den Fokus von der Insel schnell auf Deutschland, gab vor keine Kenntnisse von der britischen Ausprägung der Bewegungspartei zu haben und führte an, dass diese in Deutschland eine Partei von und für die gehobene Mittelschicht ist. Der Kollege antwortete in einem Tonfall, den ich zunächst für beispielhaftes britisches Understatement hielt: „Let’s say well educated“.

Der tieferliegende Wahrheitsgehalt dieser Anmerkung trifft die Kernaussage von Christian Barons Buch „Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten“: Die akademisch geprägte Linke in Deutschland hat ihren Bezug zur Unterschicht verloren. Spitzfindig möchte man dem hinzufügen, dass sie diesen nach dem Zweiten Weltkrieg niemals hatte. Vielmehr imaginierte die außerparlamentarische Linke ein Revolutionäres Subjekt, das ja schließlich schon 1933 in Scharen einer revolutionären Arbeiterpartei in die Arme gelaufen war – der nationalsozialistisch-deutschen. Die Versuche der Studentenbewegung am Opelfließband in Rüsselsheim die Arbeiter nun vom richtigen Coup d’etat zu überzeugen, dienen heute noch als Kuriosum in den Lagerfeuergeschichten der 1968er.

Taugte das Proletariat nicht als Subjekt, so war es doch das Objekt linker Politik schlechthin. Genossinnen und Gesonnen machten sich, dem kategorischen Imperativ Marx‘ folgend daran „jene Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Doch auch der Wünsch nach einer sozial gerechten, ja gleichen Gesellschaft würden die Linke nicht mehr antreiben, stattdessen ginge es um „eine[n] unpolitischen Wohlfühl-Lifestyle[s], der ermöglicht, sich moralisch über den Rest der Welt zu erheben.“ (S. 199)

Die Folge ist eine spezifisch linke Verachtung für „die Arbeiter“; wobei sich in Anbetracht der Terminologie die Frage stellt, ob sich nicht Baron selbst am liebsten agitierend in der Opelkantine sehen würde. Das Gros seines Werks dreht sich nämlich gerade nicht um Arbeiter, sondern um das Prekariat, die Verlierer von Deindustrialisierung und Hartz-Reformen. André Gorz stellte schon in „Abschied vom Proletariat“ fest, dass an der Stelle des „produktiven Gesamtarbeiters eine Nicht-Klasse von Nicht-Arbeitern entsteht, die im Schoße der gegenwärtigen Gesellschaft eine Nicht-Gesellschaft ankündigt […]. Die Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter umfasst die Gesamtheit der Überzähligen der gesellschaftlichen Produktion: gegenwärtig und virtuell, permanent und zeitweilig, total und partiell Arbeitslose“ (Gorz 1983 62f.).

Eben dieser „Nicht-Klasse“ schlägt die Ignoranz des gehobenen Bürgertums entgegen. Baron ist es hoch anzurechnen, dass er sich durch eine Unmenge sozialdarwinistischer Sachbücher gearbeitet hat und die Kernaussagen dieser gesammelten Hetzschriften zu einem Überblick zusammenfasst. Ihm gelingt es dabei jene Atmosphäre zu rekonstruieren, die in den Jahren der Agenda 2010 den öffentlichen Diskurs bestimmte. Wie weit sich die Avantgarde der Neuen Mitte von ehemals linken Grundsätzen entfernt hatte, zeigt ein Zitat der ehem. Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast, deren Verhältnis zum Marx`schen Diktum, dass das materielle Sein das Bewusstsein bestimmt, eine bürgerliche Wendung nahm: „Früher glaubten wir, die Lebensformen der Unterschicht seien die Folgen Ihrer Armut. Das Gegenteil ist richtig: Die Armut ist Folge ihrer Verhaltensweisen, eine Folge der Unterschichtskultur.“ (S. 38)

Baron arbeitet sich in den folgenden Kapiteln an Künasts WählerInnen, dem grünen Bürgertum ab. Unter anderem geht er dabei auf deren Werteliberalismus, der in einen Wirtschaftsliberalismus umschlägt (Kapitel 4), ihre Konsumgewohnheiten (Kapitel 5) und postmoderne Sprechgewohnheiten (Kapitel 6) ein. Die Verachtung für die Unterschicht bleibt das beherrschende Motiv dieser Kapitel. Nur an wenigen Stellen geht Baron auf die Verstricktheit des Milieus, ihr Einrichten im Falschen ein. Viel öfter nimmt er hingegen eine defensive Haltung ein und beklagt die herablassende Art, die ihm als Unterschichtenkind in Universität und Zeitungsredaktion entgegengebracht wurde. Dem Leser gefällt das freilich, hält er doch das gebundene Happy End dieser Erzählung in Händen.

Bei aller Sympathie für den Lebensweg Barons neigt seine Argumentation jedoch stellenweise zu einer Hybris, die es schwer macht, die Zeile zu halten, weil man unweigerlich die Augen rollt. Wenn er etwa das Wochenmagazin Spiegel als „Sturmgeschütz der neoliberalen Konterrevolution“ (S. 165) bezeichnet, möchte man ihn wahlweise in den Arm nehmen oder die Phantasmen seines Revolutionsbegriffs ergründen. Auch spricht er einem aus der Seele, wenn er sich über den rasanten Anstieg von Adorno-Zitaten auf Facebook während Fußballgroßereignissen ereifert (S. 237) – jenen Postenden mag man aber zugleich gegen Baron zu Gute halten, dass sie sich wohl wenigstens mit dem Anstieg von nationalistisch motivierten Gewalttaten in jenen Sommermonaten auseinandersetzen oder zumindest stärker problematisieren. Die folgerichtige Forderung nach Populismus als Perspektive für eine politische Linke (S.265) lässt einen da nur erschaudern. Gegen Ende des Buches empört sich Baron über negatives Feedback auf seine erste Theaterkritik: Ein Bekannter nannte diese „Geschreibsel“ und „pseudo-intellektuelle Scheiße“ (239), Äußerungen, die der Autor als Ausdruck seiner Klassenarroganz interpretiert. Vielleicht, mag man dieser vagen Kausalität entgegenhalten, war die Rezension aber auch wirklich Bullshit.

Wer „Proleten, Pöbel, Parasiten“ liest, bekommt die Biographie einer Person, die den sozialen Aufstieg geschafft hat und stolz darauf ist, wo sie herkommt. Als kritischeR LeserIn muss man unweigerlich dabei immer mitdenken, dass auch in der Unterschicht ein falsches Bewusstsein existieren kann. Dies legitimiert die zunehmende Ignoranz der Linken gegenüber politischer Ökonomie in keiner Weise. Lobenswert ist Barons Rechercheaufwand hinsichtlich der populärwissenschaftlichen Verbrechen in den vergangenen 15 Jahren. Es bleibt nach der Lektüre jedoch der schale Eindruck, dass Baron den Zusammenhang von Armut und der Verachtung der Armen zwar benennt, die materielle Basis der Verachtung – Staat und Kapital – aber ignoriert. Die objektive Unfreiheit einer Unterschicht – vermittelt über Jobcenter und urbane Verdrängungstendenzen – mündet bei ihm leider zu häufig in einer romantisierenden Affirmation dieser Lebenszustände und zu selten in einer Anklage jenes Systems, das dafür die Verantwortung trägt. Solidarität mit den Armen hieße aber, Gegner der Armut zu sein und die materiellen Ursachen ihrer Entstehung abschaffen zu wollen.

Christian Baron
Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten.
Das Neue Berlin: 2016
12,99 €


Literatur:

Gorz, A. (1980). Abschied vom Proletariat: eine diskussion mit und über. Europäische Verlagsanstalt.

Alf Philips
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