Feministisch streiten oder: Zum Stand des zeitgenössischen materialistischen Feminismus

Besprechung von Koschka Linkerhand (Hrsg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen von Anja Thiele Allerorten herrscht Einigkeit darüber, dass mit dem derzeitigen Feminismus nicht mehr viel anzufangen ist. Der Queerfeminismus dominiert dieses Feld politischer Theorie und Praxis so allgegenwärtig, dass selbst diejenigen ihn oft notgedrungen ins Zentrum ihres feministischen Denkens stellen, die Read more about Feministisch streiten oder: Zum Stand des zeitgenössischen materialistischen Feminismus[…]

Tierliebe und Menschenhass

von Ole Nickel

Rund 300.000 Unterschriften erreichte die Online-Petition für den Hund Chico, der Anfang April seinen Halter und dessen Mutter getötet hatte. Die Causa des Hundes, der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, führte auch außerhalb von social media zu Protesten. So berichtet der Spiegel von immerhin 80 Menschen, die in Hannover zu einer Mahnwache kamen: für den Hund, nicht für die getöteten Menschen. Nun ließe sich ja vermuten, dass es sich dabei schlicht um ein Phänomen großen Mitleids handelt. Dass Menschen noch einem Hund, der zwei Menschen umgebracht hat, zugestehen, selbst weiterzuleben, als Zeichen einer friedfertigen Gesellschaft lesen. Kurz, wer so gut zu Tieren ist, der ist auch seinen Mitmenschen gegenüber menschlich gesinnt. Doch die Rechnung geht nicht auf. Die Tierliebe wirkt nicht als Damm gegen Gewalt und Hass auch dem Menschen gegenüber. Ganz im Gegenteil ist so oft mit genau dieser vergesellschaftet, will, wer sich Tierliebe auf die Fahnen schreibt, nicht selten seinen Mitmenschen an den Kragen (1). Wie geht das zusammen? […]

Besprechung von: „Karl Marx in Paris, die Entdeckung des Kommunismus“ von Jan Gerber

von Motya Goines

Dass zum 200. Geburtstag von Karl Marx etliche Bücher erscheinen, die sich mit Leben und Werk Marx‘ auseinandersetzen ist kaum verwunderlich. Jedoch hat Marx bereits seit der Finanzkrise von 2008 nicht nur in der Linken, sondern auch in Wissenschaft und Feuilleton Hochkonjunktur. Jan Gerber legt mit Karl Marx in Paris dagegen ein Buch vor, das detailliert Marx‘ Aufenthalt in Paris – von Oktober 1843 bis Februar 1845 – rekonstruiert. Geht es den anderen um eine Reaktualisierung von Marx in bedenkenloser Übernahme seiner Begriffe, so geht es Gerber um eine kritische und historisierende Perspektive auf die Marxschen Begrifflichkeiten. So schreibt er, dass die „Diskussionen […] ohne jeden Hinweis auf das bereits stattgefundene Dementi mindestens eines Teiles der Marx’schen Grundbegriffe“ auskommen und die „im 19. Jahrhundert entwickelten Kategorien“ nolens volens „blindlings auf die Situation des 21. Jahrhunderts übertragen“ werden. Friedrich Pollocks These von 1941 – „In den Marxschen Begriffen stimmt etwas nicht“ – gibt den Ausgangspunkt des Buches vor, anhand dessen Gerber versucht zu analysieren, was Pollock – Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung um Max Horkheimer – damit im Sinn gehabt haben könnte. Der Essay hat den Anspruch, aus dem Wust an Büchern der vergangenen Dekade herauszuragen und könnte helfen, zu beantworten, was von Marx im 21. Jahrhundert – entgegen allem neuerlichen Personenkult – tatsächlich aktuell wäre. Implizit der Kritischen Theorie folgend stellt Gerber heraus, dass der Marxsche Geschichtsoptimismus schon mit dem „Ersten Weltkrieg in Mitleidenschaft geraten“ und sich spätestens vor dem „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) Auschwitz blamiere. […]