Das Elend der Pluralen Wirtschaftswissenschaften

2017 feierte Das Kapital – das Hauptwerk von Karl Marx – den hundertfünfzigsten Geburtstag seiner Ersterscheinung. Man stelle sich einmal vor dieses Fest fiele in die Nachkriegsära Konrad Adenauers oder in die Kiesingers und die Autoren jener Blätter, die maßgeblich für die Meinungsbildung in der Bundesrepublik sind, schrieben sich die Finger wund ob der Frage, ob man denn noch etwas von Marx lernen könne oder ob er irgendwie Recht gehabt habe.[1] Das ist zwar eine nette Vorstellung, entbehrt aber jeder realen Möglichkeit. Denn außer bei einigen kritischen Studentinnen oder Studenten und deren entsprechend kritischen Lehrenden, K-Gruppen und später Autonomen wäre dieses Ereignis nicht auf Interesse, geschweige denn auf Liebe gestoßen. Nachdem aber bekanntlich 1991 die Geschichte zu Ende ging (Fukuyama) und es seit dem in der Wissenschaft nicht mehr um einen emphatischen Wahrheitsbegriff, der sich an seinen Gegenständen entwickelt, im Vorhaben mit bestimmter Erkenntnis etwas am Dasein der Menschen zu verbessern,[2] sondern um den Austausch von meist theoretischen Ansichten zum Ding des Interesses geht, scheint es kein Problem mehr zu sein, dass auch das Aufwerfen einer marxistischen Perspektive nicht mehr diesen linken Randerscheinungen der Gesellschaft vorenthalten bleibt, sondern eben auch von der Journaille, aber auch von sich kritisch dünkenden Studentinnen und Studenten erledigt werden kann, die Symptom eines gesellschaftlichen Umstands sind. Um was es hier in aller Kürze gehen soll, ist das Problem der Abstraktion von der wirklichen gesellschaftlichen Totalität der „kritischen Studierenden“, die sich in der Initiative Plurale Ökonomik engagieren, durch kursorische Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie Marxens darzustellen. […]

Weibergemeinschaft. Eigentumsrecht als ideologisches Moment des Zwangscharakters Prostitution.

Voller Überzeugung wirft Tess Hermann in der Frankfurter Rundschau in die Debatte zur Reform des Prostitutionsgesetzes von 2016 ein, dass die „Sexarbeit“ ein „Job wie jeder andere“ sei, denn es gehe schließlich darum, „über die Runden zu kommen“ und ebenso wie das Kellnern gebe es „Nachtschichten, zugerauchte Kneipen und alkoholisierte Gäste“. Lediglich die „Stigmatisierung“ der Read more about Weibergemeinschaft. Eigentumsrecht als ideologisches Moment des Zwangscharakters Prostitution.[…]

Der Kritiker übt Resonanz. Einblicke in ein deutsches Postwachstumskolleg und deren Grundlegungen durch Hartmut Rosa

Wir sind Teil von degrowth in Bewegung(en)“ – stolz prangt dieses Bekenntnis auf der Homepage des Postwachstums-Kollegs an der Universität Jena. Dass diese Vermischung von Theorie und Praxis eines der Kernelemente des Postwachstumstopos darstellt, wurde früh erkannt. Auffällig scheint hieran, dass selten so unumwunden, gutgelaunt und freimütig die instrumentelle Eingebundenheit der insbesondere soziologischen akademischen Forschung in politische Prozesse zugegeben wurde. […]

No interest – no future

Die Finanzkrise aus sozialdemokratischer, also systemimmanenter Perspektive zu analysieren bietet zwar wenig ökonomische Erkenntnisse (außer, dass Krisen eben passieren), jedoch hilft es einem im Land von Schramm und Pispers, Walser und Grass die gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts 2007 zu verstehen. Mag man nämlich nicht wahrhaben, dass die Krise unumgänglicher Bestandteil kapitalistischer Vergesellschaftung ist, so gilt es nach dem faulen Apfel im Korb zu suchen. Für den demokratischen Sozialismus ist das wahlweise der Staat (also die falsche Staatsregierung) oder die Wirtschaft (die Zocker in den Bankenhochhäusern). […]

Zum regressiven Bedürfnis postwachstumsorientierter Kapitalismuskritik – wie die Linke der Rechten sekundiert

Der zu schwindelerregender Höhe aufgetürmte Wohlstand gleicht einem
Kartenhaus, das eine fatale Unvereinbarkeit heraufbeschwört: Zunehmende
Fallhöhe trifft auf zunehmende Instabilität. Je höher das Stockwerk, desto
tiefer der Fall, wenn alles zusammenstürzt.“1

Mit diesen apokalyptisch anmutenden Worten leitet Volkswirt und Attac-Mitglied Niko Paech sein postwachstumstheoretisches Werk, „Befreiung vom Überfluss“, ein. Darin predigt er ein Ideal vom „menschlichen Maß“, welches durch Konsumverzicht und Subsistenzwirtschaft gegen eine vermeintliche Katastrophe globalen Ausmaßes gewendet werden soll. […]

Post-Wachstum – Post-Fortschritt – Post-Fakt. Von der wachsenden Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit.

Wenn es eine Gewissheit im gesellschaftlichen Handeln gibt, dann diese: Veränderungen machen Angst. Genauer gesagt ist es das befreiende Potenzial dieser Veränderungen, das gleichzeitig für Unbehagen sorgt. Veränderungen werden immer kollektiv selbst erzeugt, trotzdem kann keine gesellschaftliche Entwicklung stattfinden, ohne dass sie irgendwen verunsichert oder verängstigt. Das liegt nicht etwa daran, dass der Mensch, wie viele Vulgär- und Hobbyanthropologen behaupten, innerlich noch ein „Tier“ ist, ein „Gewohnheitstier“ sogar, das ja „von Natur aus“ gar keinen echten Fortschritt zustande bringt, weil die Möglichkeiten seiner Art biologisch festgeschrieben sind. Schon eher ist der Mensch ein soziales Wesen, weswegen seine Erfahrung wesentlich davon geformt wird, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen sie gemacht wird. Die nützliche Faustregel, dass jeder Lösungsvorschlag für gesellschaftliche Probleme erstmal als Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrung zu verstehen sei, dürfte also auch hier der Wahrheitsfindung dienlich sein. Eine Kritik der Fortschrittsskepsis hat sich zuerst mit dem Begriff von Fortschritt auseinander zu setzen, an dem sich die Post-Wachstumsökonomie abarbeitet, um womöglich noch etwas daran zu retten und vor denen zu verteidigen, die einer „Maschinenstürmerei auf erweiterter Stufenleiter“ (1) verfallen sind. […]