Das Unaufgeregte der Provinz als Heilmittel für die interaktive Kunst – Rezension der Ausstellung WERKsHANDLUNGen vom Künstlerinnenduo zwischenbericht

   Anja Ruschkowski

„Obwohl die formale Entwicklung der Kunst in immer schnellerem Tempo weitergegangen ist, ist ihre gesellschaftliche Funktion verkümmert. Kunst ist eine Ware von vorübergehender Aktualität, aber der Markt ist winzig und Ansehen und Preise steigen, je weniger aktuell das Angebot ist. Es fällt mir schwer mich damit abzufinden, dass Kunst nicht zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.“

Charlotte Posenenske in: Art International Mai 1968

Dieses Fazit war es, das Charlotte Posenenske (1930 – 1985), eine der Hauptvertreter_innen der Minimal Art in den 60er Jahren, dazu bewegte ihre Karriere als Künstlerin zu beenden und stattdessen das Studium der Soziologie aufzunehmen. Bis dahin widmete sie sich in ihrem Werk der Inszenierung von Installationen, die nicht nur an die Ästhetik industrieller Massenware erinnern, sondern kaum von dieser zu unterscheiden sind. Während Künstler_innen vor ihr zu dieser Technik griffen um die Mechanismen von Definitionsmächten im Kunstmarkt zu karikieren geht es Posenenske nicht darum das Ordinäre à la ready made mit einer Aura zu versehen, sondern im Gegenteil das Kunstobjekt soweit wie möglich in den Hintergrund treten zu lassen. Mit verstellbaren Schiebetüren und Elementen, die flexibel und vielfältig zusammengefügt werden können, fordern ihre Werke die Betrachter_innen zum Spiel auf. Nicht das Objekt ist das Kunstwerk, sondern die Handlung, die entsteht, wenn das Subjekt dieses in Bewegung setzt und neu denkt. Dass dieses Schillersche Kunstideal in unserer Gesellschaft ein Luxus ist, der sich leider fernab der Lebensrealität und Reichweite der meisten Menschen bewegt, ist eine Erkenntnis, die eine Künstlerin mit einer ernsthaften Ambition gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, notwendigerweise haben musste – ihr Abschied von der Kunst war da ein konsequenter Schritt.

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Blick in den Ausstellungsraum

Heute befinden sich Posenenskes Werke in den schillernden Kunsttempeln dieser Welt – in Häusern wie dem MoMa in New York oder der Tate Modern in London strahlen sie eine Lebendigkeit aus wie Hirsts in Formaldehyd eingelegte Kühe. Auch im Museum Ludwig in Köln, das nach der Neuinszenierung durch Philipp Kaiser eine komplette Etage der socially engaged art widmet, kann das Schild, das die Besucher_innen dazu auffordert mit Posenenskes Werk in Interaktion zu treten nicht mehr als ein verlegenes kurzes Anstupsen bewirken – die seit der Entstehung der Institution Museum andauernde Erziehung der Besucher_innen lässt sich eben nicht auf Knopfdruck ablegen.

Dank der Unterstützung durch den Soziologen und Nachlassverwalter Dr. Burkhard Brunn konnte sich das Künstlerinnenduo zwischenbericht (Anja Schoeller/ Fürth und Kerstin Polzin/ Berlin) den Fragestellungen Posenenskes, bzw. dem Baukastensystem Vierkantrohrserie D neu widmen. In Kooperation mit der JVA Ebrach und der Universität Bamberg inszenieren sie die Elemente neu und treten damit in den öffentlichen Raum. Die Dokumentation der Aktionen, die in diesem Rahmen entstanden sind, ist neben den Objekten – mit denen die Besucher_innen selbstredend kreativ werden sollen – in dieser Ausstellung zu sehen.

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Aus der Serie: “Über die Nutzung kultureller Räume”von Olga Seehafer (Universität Bamberg)

Zu der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme, wie es Posenenskes Anspruch war, kann diese Ausstellung auch nicht beitragen, aber sie findet einen adäquaten Umgang mit dem Konzept der Künstlerin. In dem kleinen Ausstellungsraum, versteckt in der fränkischen Provinz Bamberg, kann das Werk Posenenskes und die Weiterentwicklung von zwischenbericht die unprätentiöse Wirkung entfalten, die es braucht. Weiter wirft sie einen Blick auf das Irritationspotential von Kunst im kleinstädtischen öffentlichen Raum. Diese Ausstellung ist ein kleiner Glücksfall, der man ein wenig Zeit schenken sollte.

Zu sehen im:

Umsonstladen Mosaik

Luitpoldstraße 21, Bamberg,

Öffnungszeiten: Mo-Fr, 14-19 Uhr, Sa-So, 11-19Uhr

In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Bamberg e.V., dem Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia, der Universität Bamberg und der JVA Ebrach

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